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 Betreff des Beitrags: Shoriva
BeitragVerfasst: 10.07.2005 - 16:40 
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1. Welt Shoriva

Nach Wochen harter Arbeit habe ich die Insel Shoriva endlich fertiggestellt. Da sie meine erste Welt ist, habe ich sie sehr einfach gestaltet, aber als ich mich verbunden hatte und meine Insel genau ansah, war ich sehr zufrieden. Das Verbindungsbuch liegt in einer kleinen Hütte und wenn man durch sie nach draußen tritt, sieht man einen großen See mit vielen Weiden darum. Aus dem Schilf flogen Kraniche auf, als ich den See umrundete. Ein fröhlich plätschender Bach aus einem fernen Gebirge ist die Quelle dieses Sees. Auf der anderen Seite steht neben einer Weide ein kleines Haus im Handwerksstil, dass an einer Wand von Efeu bedeckt ist. Die Einrichtung des Hauses ist schlicht gehalten, es soll vorerst nur ein Rastplatz sein. Von hier aus beginne ich nun jeden Tag die Erkundung dieser Welt und notiere alles, was mir auffällt. Ich bin sehr stolz auf das, was ich geschafft habe!

Ich habe meine Sachen gut verstaut und mich auf den Weg gemacht, diese Welt zu erkunden. Es ist beeindruckend wie schön und friedlich es hier ist. An einem großen Felsen hielt ich inne und ruhte mich aus. Plötzlich fiel mir auf, dass auf dem Felsen einige seltsame Zeichen standen. Dies bedeutete ganz ersichtlich, dass es hier eine Zivilisation gab oder gibt. Ich zeichnete schnell alles auf und ging dann weiter.
Ich werde versuchen sie zu finden und mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Wer weiß, was ich von ihnen erfahren kann.
Einige Tage später fand ich in den Bergen immer mehr Anzeichen dieser unbekannten Zivilisation, von denen einige aussehen, als lägen sie erst eine Weile hier.
Dann fand ich endlich das Dorf. Es liegt recht weit oben in den Bergen und ist gut geschützt. Ich habe mich noch nicht zu ihnen begeben, sondern beobachte sie von weitem. Das Volk scheint relativ primitiv und friedlich zu sein. Ich habe also nichts zu befürchten. Morgen werde ich Kontakt mit ihnen aufnehmen.
Ich ging langsam den Weg herunter und wurde recht schnell entdeckt. Alle verharrten in ihren Tätigkeiten und starrten mich mit großen Augen an. Dann warfen sie sich zu Boden und blieben eine Weile so liegen. Ich ging weiter, bis ich vor einen Mann kam, der für mich wie der Dorfälteste aussah. Ich sprach ihn an und versuchte ihm klar zu machen, dass ich in friedlicher Absicht kam. Er sah ängstlich zu mir hoch, dann stand er vorsichtig auf und sah mir scheu in die Augen. Er begann sich zu fassen und sagte etwas in einer Sprache, die ich nicht verstand. Ich schüttelte den Kopf und sagte das ich nicht verstand. Ein kleines Mädchen zupfte mir vorscihtig am Mantel und sagte mit ängstlicher Stimme:"Er hat dich willkommen geheißen Fremde." Ich sah sie verwundert an und fragte sie, woher sie meine Sprache könne, worauf sie sagte sie wisse es nicht.
Als sie mich hatte sprechen hören, hatte sie alles verstanden. Ich war froh, dass es hier jemanden gab, der mich verstand und die Sprache dieses Volkes übersetzen konnte. Der Dorfälteste begann wieder zu reden und ich hörte mir interessiert an, wie diese Sprache klang, dann übersetzte das Mädchen wieder für mich:"Er sagt, dass er dir traut und möchte dich in unser Dorf einladen." Ich lächelte und sagte, dass ich mich geehrt fühle, bleiben zu dürfen. Das Mädchen war nun zutraulicher geworden, nahm mich an der Hand und begann mich durch das Dorf zu führen und mir alles zu zeigen. Das Dorf bestand aus höchstens fünf größeren Hütten aus Holz, welche mit Tannenzweigen gedeckt waren. Die größte Hütte gehörte selbstverständlich dem Dorfältesten. In seinem Haus versammelten wir uns wenige Zeit später und ich stellte ihnen einige Fragen. Sie wohnten hier völlig abgeschieden von der Außenwelt und kannten nur wenig von dem umliegenden Gelände. Sie wussten nicht, ob es woanders weitere Völker in dieser Welt gab und waren verständlicherweise erstaunt mich, eine Fremde, hier zu sehen. Ich erklärte ihnen, ich käme von weit her. Ich wollte ihnen nichts über die Kunst erzählen, weil ich dachte, dass sie es nicht verstehen würden. Sie gaben sich damit zufrieden, worüber ich sehr froh war. Nachdem wir geredet hatten, brachten sie einige Platten mit gut duftendem Essen darauf. Es war viel Wildfleisch dabei, mit Pilzen und Kastanien. Außerdem gab es Fladenbrote mit einer gut schmeckenden Kräutersoße. Ich wurde im Haus der Familie des kleinen Mädchens untergebracht. Meine Kammer war einfach eingerichtet, was mich jedoch nicht weiter störte. Das Bett war bequem und so viel ich schnell in den Schlaf.
In den nächsten Tagen beobachtete ich das Leben der "Kortena", wie sich dieses Volk nennt aus nächster Nähe. Der Tagesablauf ist immer gleich und geregelt. Morgens gehen zwei Männer und zwei Frauen in die Wälder nicht weit von hier. Die Männer gehen das Wild jagen, dass es hier im Überfluss zu geben scheint und die Frauen sammeln Pilze, Kastanien, Nüsse und Kräuter. Sie nehmen immer nur so viel, wie sie für alle brauchen und legen erst zum Winter hin Vorräte für die kalten Monate an. Sie sagen, sie wollen den Wald nicht ausrauben, da sonst das Gleichgewicht gestört wäre. Sie sind ein sehr naturverbundenes Volk.
Bei den anderen Dorfbewohnern konnte ich beobachten, dass sie sehr früh aufstehen und sich dann zu einem verborgenen Ort noch höher in den Bergen aufmachen. Der Dorfälteste führt sie dabei immer an und sie singen stets ein getragenes, trauriges Lied. Einige Zeit später konnte man von dem geheimnisvollen Ort Rauchwolken aufsteigen sehen. Ich fragte mich, was sie dort oben taten und sprach das kleine Mädchen später darauf an. Sie sagte, dass es eine heilige Stätte wäre. Zu den Kulthandlungen wollte sie sich jedoch nicht äußern und ich drängte sie auch nicht zu reden. Manche Völker waren sehr eigen, was ihren Glauben betraf. Eines Abends erinnerte ich mich an die Schriftzeichen, die ich einst gefunden hatte. Ich hatte hier im Dorf keine Anzeichen dieser Zeichen gefunden und wollte nun herausfinden, ob sie von den "Kortena" waren oder vielleicht sogar von einem anderen Volk stammten. Ich ging also zusammen mit dem kleinen Mädchen zum Dorfältesten und zeigte ihm die Zeichen. Er sagte, dass er so etwas noch nie gesehen hatte. Ich wusste, dass er die Wahrheit sprach, denn die Zeichen waren viel zu weit von ihrem Dorf entfernt gewesen. Doch wer hatte sie dann dort aufgezeichnet?

Es gab oder gibt also ein weiteres Volk in dieser Welt. Ich musste sofort herausfinden, wo es sich befand und was es alles zu sehen gab. Ich verabschiedete mich bei den "Kortena" mit den Worten, dass ich wieder dorthin müsste, woher ich gekommen war. Ich versprach ihnen jedoch, eines Tages wiederzukommen. Sie waren alle sehr traurig, besonders das kleine Mädchen. Auch ich war etwas wehmütig, doch mein Forschergeist war geweckt und ich musste ihn stillen! Ich hatte eine Karte von dieser Welt angelegt, auf der es jedoch noch viele dunkle, unerforschte Flecken gab. Diese musste ich jetzt auf der Suche nach dem geheimnisvollen Volk erforschen. Tagelang lief ich mal durch dichte Wälder, mal über hügelige Wiesen. Die Schönheit dieser Welt beeindruckte mich immer mehr. Meine Karte wurde detaillierter und endlich konnte ich mich richtig orientieren. Das Dorf der "Kortena" befand sich im Westen, wo sich das Gebirge entlang streckte. Meine Hütte am See lag im Südosten. Im Osten gab es sehr dichte Wälder, die nur sehr schwer zu durchqueren waren. Jetzt war ich auf dem Weg in das einzige Gebiet, dass ich bisher nicht erforscht hatte. Ich wandte mich nach Norden, der einzige Ort an dem sich das geheimnisvolle Volk befinden konnte. Ich hatte mir schon viele Gedanken gemacht, wie dieses Volk aussehen konnte, aber was ich dann sah, überraschte mich sehr. Am siebten Tag meiner Reise fand ich die ersten Spuren: Mehrere in der Gegend liegende Steine waren mit denselben Schriftzeichen, wie der Stein in der Nähe des Dorfes der "Kortena" beschrieben. Nicht weit entfernt von den Steinen fand ich Fundermente von Häusern. Manche Ruinen waren noch in Teilen erhalten. Es war unheimlich und faszinierend zugleich: Je weiter ich ging, desto größer wurden die Ruinenberge und desto mehr Fundermente standen rechts und links von mir. Die Erde unter meinen Füßen war sehr fest und als ich eine Weile dort grub, entdeckte ich eine Straße aus Stein. Mit großen Augen schritt ich durch diese verfallene Siedlung, die immer mehr die ausmaße einer Stadt bekam. Offensichtlich hatte es hier einst eine gut entwickelte Zivilisation gegeben, die aber aus unerfindlichen Gründen untergegangen war. In einem Haus, dessen Dach noch ganz war, quartierte ich mich ein. In den nächsten Tagen werde ich von hier aus losziehen und diese Stadt genauer erkunden.
Es war schon etwas seltsam in den stillen Ruinen zu schlafen, aber meinem erschöpften Körper war das egal. Am nächsten Morgen wachte ich ausgeruht auf und begab mich auf meine Erkundungstour. Was ich im Laufe der nächsten Zeit fand, war äußerst faszienierend. Ich entdeckte in den Häusern Gebrauchsgegenstände, wie Töpfe und Krüge. Ich legte Wasserleitungen frei und fand Tonscherben mit einer etwas kritzeligen Form der Schriftzeichen, die ich gefunden hatte. Sie stammten wahrscheinlich vom Handelsverkehr oder kurzen Nachrichten. Ich entdeckte einen prächtigen Tempel, in dem ich sogar noch Bruchstücke von Wandbildern ausmachen konnte. Hier lagen große Steinplatten mit einer äußerst schönen Form der Schriftzeichen. Leider hatte ich nicht die Zeit sie zu entziffern. Ich fand noch immer keine Anzeichen, warum dieses große Volk untergegangen war. Ich konnte nur Vermutungen aufstellen und Überlegungen anstellen. Eine Frage drängte sich alsbald in meinen Kopf. Warum waren auf den Stein in der Nähe des Dorfes der "Kortena" dieselben Schriftzeichen, wie hier. Hatten die "Kortena" doch mit diesem Volk zu tun gehabt? Hatte der Dorfälteste doch gelogen und ich war auf ihn hereingefallen? Nein, es musste anders sein! Vielleicht waren arme Leute aus dieser Stadt geflohen und hatten dort in den Bergen eine neue Existenz begonnen. Vielleicht war auch ein gebildeter dabei gewesen, der die Schriftzeichen in den Stein gehauen hatte. Vielleicht hatten sie ihr Volk gehasst und wollten nichts mehr von ihnen bewahren. Es gab Beispiele von Völkern, die sich zurück entwickelt hatten. Der Gebildete wurde aufgrund seines Wissens zum Anführer bestimmt und er veranlasste, dass man das Wissen der Ahnen vergessen solle, dass man nicht von ihnen berichten solle und ein einfaches Leben beginnen solle. Und so wussten die "Kortena" heute nichts von dem geheimnisvollen Volk und ihrer Abstammung. Dies alles waren Dinge, die nicht belegt waren. Vielleicht kann ich noch herausfinden, ob es wirklich so war und warum die Leute geflohen sind.
Seit Tagen arbeite ich kaum konzentriert und unaufmerksam. Meine Gedanken schweifen zu anderen Dingen ab. Letzte Nacht hatte ich einen Traum. Ich träumte von einer Wüstenwelt mit einigen kleineren und einer großen Oase. Es ist die verschwommene Idee von einer neuen Welt, die nur darauf wartet, dass ich durch die Kunst eine Verbindung zu ihr erlange. In den Ruinen dieses geheimnisvollen Volkes komme ich auch nicht mehr weiter, erst wenn ich die Inschriften entziffern kann, werde ich nähere Erkenntnisse bekommen. Sicher werde ich eines Tages hierher zurückkehren und auch die "Kortena" besuchen, doch nun ist es besser zu gehen und meinen Traum wahr werden zu lassen.

_________________
Nil tam difficile est, quin quaerendo investigari possiet

Hitana Mikoyan (SL) , Hitana Jadurian (GW)


Zuletzt geändert von Hitana am 16.06.2006 - 14:32, insgesamt 1-mal geändert.

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BeitragVerfasst: 10.07.2005 - 16:43 
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2. Welt Jaseri

Ich sitze seit einigen Tagen wieder in meinem bescheidenen Heim und arbeite an meiner neuen Welt, die "Jaseri" heißen soll. Ich rufe mir die Lektionen der Gilde der Schreiber zurück ins Gedächtnis, um alles richtig zu machen. Wie sagte Atrus doch so oft: "Die Kunst ist eine Wissenschaft." Man muss auf jedes kleine Detail achten, damit die Stabilität der Welt garantiert ist. Man betrachtet zuerst die Welt im Ganzen. Wie nah steht die Sonne? Wie sieht der Umlauf um die Sonne aus? Besitzt die Welt einen Mond und wenn, wie nah steht er? Wie ist die Welt gesteinlich zusammengesetzt? Es gibt soviele Dinge, die wichtig sind, dass einem diese Arbeit wirklich Kopfschmerzen bereiten kann. Man darf sich nicht beeilen, weil man sonst etwas falsch machen könnte. Alles muss zusammen passen, sonst entstehen solche Welten, wie die von Gehn. Ich möchte keine Welt in die Verdammnis schicken, erst recht keine bewohnte. Darum werde ich mich gedulden und hart arbeiten.
Ich schlafe, esse, schreibe, denke nach und schlafe. Ich treibe mich selbst immer wieder an weiter zu machen. Ich bin ständig erschöpft und muss aufpassen, dass ich nicht meine Konzentration verliere und Fehler mache. Andererseits fällt es mir schwer Pausen zu machen, weil ich ein enormes Verlangen habe, endlich auf dem Wüstensand "Jaseri´s" zu stehen. Ich medietiere eine Weile, um wieder zur Ruhe zu kommen, dann schreibe ich weiter.
Ich schließe das Buch mit einem erleichterten Seufzer. Endlich habe ich das Buch fertiggestellt! Ich kann "Jaseri" heute nicht mehr betreten, ich bin einfach zu müde. Ich falle erschöpft auf mein Bett und schlafe sofort ein. Ich schlief tief und fest und erwachte gut ausgeruht am nächsten Tag. Es war bereits später Vormittag. Ich packte meine Sachen, trat zu dem Tisch mit dem Buch darauf zu, öffnete es und verband mich mit meiner neuen Welt...
Ich stehe auf weichem, feinem Wüstensand. Ein leichter Wind lässt meinen Mantel flattern. Ich spüre die Hitze-heiß aber nicht zu sehr. Ich hole ein großes Tuch aus meinem Rucksack und wickle mir eine Art Turban um den Kopf, wobei ich auch meine Nase und den Mund bedecke. Außerdem setze ich eine feste Brille auf, die mich vor dem Sand und der Sonne schützt. Mitten in der unendlich scheinenden Wüste steht ein Felsen mit einer verborgenen Nische. Hier lege ich mein Verbindungsbuch ab. Ich hole mein Journal heraus und beginne die Karte zu zeichnen und Notizen zu machen. Dann ziehe ich in Richtung Norden los. Mit meinen kräftigen Stiefeln komme ich gut durch den Sand und schon bald kann ich in der Ferne die erste Oase erkennen. Sie ist nur klein, aber das bisschen Wasser, dass sie enthält wird mir das Überleben hier sichern. Ein paar kleinere Bäume stehen um das Wasser herum und ein wenig grünes Gras wächst hier. Sogar einige Büsche mit Früchten finde ich. Ich stecke einige davon ein und gehe dann weiter. Der Tag geht langsam zur Neige und ich ruhe mich ein wenig aus. Am Horizont kann ich ein wunderschönes Schauspiel erleben: Wenn die Sonne untergeht entstehen unglaublich schöne Farbumschläge. Von gelb nach orange, von orange nach rot, von rot nach rosa und sogar ein leichtes lila, dass wohl durch die aufkommende dunkelblaue Dunkelheit zustande kommt. Ich lege mich mitten in der Wüste nieder und beobachte noch eine Weile, wie ein wenig Leben in die sonst so leblose Wüste kommt. Käfer und Amphibien kriechen aus ihren Verstecken unter Steinen und aus dem Sand hervor und gehen auf ihre Beutezüge. Ich brauche mich vor ihnen nicht zu fürchten, da sie instinktiv einen großen Bogen um mich machen.
Ich stehe am nächsten Tag früh auf um die Kühle des Morgens zu genießen und setze meinen Weg fort. Diese Welt ist groß und ich werde wohl eine ganze Weile brauchen, sie zu erforschen, aber ich tue es mit großer Freude.
Ich bin im Westen auf den Ozean gestoßen. Der Strand ist wunderschön mit seinem feinen Sand und das Wasser ist wunderbar klar. Ich konnte es mir nicht verkneifen eine Weile schwimmen zu gehen und genoss es sehr, obwohl das Wasser etwas kalt war. Im klaren Wasser konnte ich Schwärme von kleineren und größeren Fischen entdecken, die schnell wegschwammen, als ich in ihre Nähe kam. Ihre Leiber glänzten in allen Farben des Regenbogens. Es gab auch einige rochenartige Fische, die so groß wie eine Hand waren.
Nach dem erfrischenden Bad ließ ich mich von der Sonne trocknen, zog mich an und ging weiter. Im Norden wurde das Gelände etwas karger und unwegsamer. Es war eine felsige Landschaft mit kleinen ausgetrockneten Grasbüscheln. Doch genau zwischen den großen Felsen fand ich die zweite Oase. Hier wuchsen direkt neben den unförmigen Felsen grüne Büsche und kleine Bäume. Das Wasser schimmerte in Azurblau und ich nahm mir gleich etwas davon für meinen Beutel. Ich setzte ich auf einen Felsen, ass ein bisschen und beobachtete die Gegend. Am Himmel erkannte ich einige Vögel, die sehr laut schrien. Sie hatten ziemlich große Schwingen und sahen wie Greifvögel aus.
Ich beschloss heute nicht mehr weiter zu gehen und hier zu übernachten. Auch hier konnte ich beobachten, wie die Tiere aus ihren Verstecken kamen, vom Wasser tranken und nach Futter suchten. Hier gab es sogar ein rattenartiges Wesen, dass leise fiepende Töne von sich gab und von den Früchten des Busches ass, welche ich eingesteckt hatte.
Am nächsten Tag setzte ich meine Wanderschaft Richtung Osten fort und entdeckte nach einigen Stunden interessante Spuren. Hier gab es eine größere, aber inzwischen vertrocknete Oase. Ich entdeckte Spuren einer Zivilisation, wie leicht verscharrte Feuerstellen, zerbrochene Krüge und andere Gegenstände. Die Menschen waren wohl hier fortgezogen, als die Oase vertrocknet war. Wer weiß wo sie jetzt waren? Ich ging weiter, im Bestreben diese Menschen zu finden...
Schon am nächsten Morgen fand ich Richtung Osten weitere Anzeichen des unbekannten Volkes. Dann, ein paar Stunden später, erblickte ich in der Ferne die ersten Anzeichen einer großen Oase. Viele Bäume, viel Grün und außerdem eine Zeltstadt von großen Ausmaßen. Dies musste das Volk sein! Ich ging weiter, näherte mich der Stadt aber mit Vorsicht. Ich wusste ja noch nicht, ob sie friedlich waren. Sie schienen jedoch irgendwo einen Beobachtungsposten zu haben, denn plötzlich kam Bewegung in die Stadt. Ich sah einen Trupp von etwa sechs Männern näher kommen, die lange ockerfarbene Gewänder trugen und ihre Gesichter ebenso wie ich verhüllt hatten. Ich blieb stehen und wartete bis sie bei mir angekommen waren. Sie bildeten einen Kreis um mich und senkten ihre Hände zu den leicht gebogenen Schwerten, die sie trugen. Ihre zu Schlitzen verengten Augen musterten mich von bis unten voller Misstrauen. Ich blieb ruhig stehen und wartete bis sie mit mir reden würden. Einer von ihnen, der etwas größer als die anderen war, trat einen Schritt auf mich zu und sagte dann mit rauer Stimme und einem straken Akzent:"Nennt mir Euren Namen und den Grund für Euer Hiersein!" Ich war ein wenig erstaunt, wieder einen Mensch zu treffen, der meine Sprache sprach, aber inzwischen wunderte mich nur noch weniges. "Mein Name ist Hitana und ich bin eine Forscherin aus einem fernen Land", sagte ich ruhig. "Wo soll dieses Land liegen, Weib?! Wir kennen kein anderes Land als dieses!" "Es ist weit von hier im Meer gelegen." "Ich weiß nicht, ob ich euch dies glauben soll, aber Eure Forschung wird vorerst beendet. Ihr werdet jetzt mit uns kommen und wir werden euch zu unserem Anführer bringen." Ich nickte nur und wurde dann von ihnen in ihre Stadt geführt. Ich kam an den großen Zelten vorbei, in die wohl durchaus eine mittelgroße Familie gepasst hätte. Die Zelte waren aus hellem Leder und teilweise geschmückt. Hier am Rande der Stadt waren die Zelte nur mit den Namen der Familien beschrieben, aber je weiter ich in die Stadt kam, desto prächtiger waren die Zelte gescmückt. Die Ornamente hier strahlten in hellen, schönen Farben. Die sechs Männer führten mich zu einem Platz mit einem Springbrunnen in der Mitte. Auf der anderen Seite des Platzes stand ein Zelt von der Größe eines einstöckigen Hauses, dass über und über mit Ornamenten bedeckt war. In dieses Zelt wurde ich nun hinein geführt. Die Größe, die schon außen beeindruckend gewesen war, beeindruckte mich innen noch mehr. Ich stand in einem Raum, der an eine große Halle erinnerte und von dem sich viele Gänge abzweigten. Am anderen Ende der Halle stand ein Thron auf dem ein Mann saß, der ein weinrotes Gewand anhatte und einen dunkelblauen Turban trug. Dies musste wohl der Anführer sein. Sie führten mich vor ihn und der große Kerl, der mich vorher angesprochen hatte, legte eine Hand auf meine Schulter und drückte mich hinunter auf die Kniee. Dann knieten auch er und seine Mannen nieder. Der Anführer machte eine kurze Handbewegung und die sechs Männer standen wieder auf. Der große Kerl legte wieder seine Hand auf meine Schulter und ich blieb so wie ich war. Ich wusste, dass ich hier vorsichtig sein musste und darum gab ich mich so demütig, wie möglich. "Wir haben diese Frau an den Außenposten unserer Stadt gefunden und aufgehalten. Ihr Name ist Hitana und sie ist eine Forscherin aus einem fernen Land. So sagte sie es uns jedenfalls,"berichtete der große Kerl. "Ihr habt gut entschieden, sie zu mir zu bringen, Groden. Ihr könnt Euch nun entfernen. Ich werde mit der Fremden alleine weiterreden,"sagte der Anführer. Groden ließ endlich von meiner Schulter ab und verbeugte sich leicht. Dann verließen er und seine Mannen rückwärts gehend den Raum, da sie ihrem Herrscher nicht den Rücken kehren durften.
"Nun, werte Hitana, es tut mir leid, dass wir Euch so behandeln mussten, aber wir befinden uns stets in Gefahr vor unseren Feinden und müssen daher Vorsicht walten lassen." Er rief kurz nach einem Diener und ließ ihn einen Stuhl bringen. "Setzt Euch doch bitte. Wir haben viel zu besprechen.
Mein Name ist Jerodan und ich bin der Anführer hier, wie Ihr euch sicher schon gedacht habt. Diese Stadt heißt Hurdani. Wir leben schon seit vielen Jahren hier, aber eigentlich kommen wir aus einer kleineren Oase, an der Ihr schon vorbeigekommen sein müsstet. Vor vielen Jahrzehnten gehörten unsere Ahnen dem Stamm der Hurdan an und lebten wie Normaden. Zu dieser Zeit war das Land noch äußerst fruchtbar und so konnten sie viel jagen gehen. Das Leder, aus denen unsere Zelte bestehen, stammt noch aus dieser Zeit. Sie wurden von Generation zu Generation vererbt. Früher waren die Familien größer, darum sind die Zelte auch so groß, aber heute dürfen die Familien nur noch zwei Kinder haben, da wir sie sonst nirgendwo unterbringen könnten. Wir könnten natürlich auch Häuser bauen, aber wir wollen nicht die wenigen Dinge verschwenden, die uns geblieben sind und außerdem ist dieses Leben eine Art Gedenken an die Ahnen. Es ist unsere Tradition. Aber ich schweife ab.
Eines Tages, so sagen die Legenden, fiel ein leuchtender, großer Stein vom Himmel und danach war nichts mehr wie vorher. Das fruchtbare Land vertrocknete immer mehr, bis nur noch die Oasen übrigblieben. Von dieser Zeit an suchten sie nach einem festen Platz, wo sie bleiben konnten und siedelten sich in der kleineren Oase an. Doch sie vertrocknete und sie mussten weitergehen. Dann fanden sie dieses kleine Paradies und hier blieben sie. Am heutigen Tage können wir auf eine blühende, gut versorgte Gesellschaft blicken. Dennoch gibt es schlechte Dinge hier. Ich erwähnte bereits, dass wir in steter Wachsamkeit sein müssen. Dies lässt sich damit erklären, dass wir Feinde haben, die einst unserem Stamm angehörten. Sie wurden allerdings Verräter an unserer Gesellschaft und aus diesem Grunde verbannt. Sie haben sich zu einem eigenen Stamm formiert und bilden jetzt eine Terrorzelle. Wir werden immer wieder von ihnen angegriffen und ihr Hass ist sehr groß auf uns. Wir versuchen schon seit längerer Zeit sie zu zerschlagen, aber sie sind sehr stark. Ich glaube allerdings, dass wir jetzt die Möglichkeit haben sie endlich zu zerschlagen!“ Ich schaute etwas erstaunt auf und sprach ihn zum ersten Mal direkt an: „Warum dies, Jerodan?“ „Nun, ich sehe, dass Ihr Dinge mit euch tragt, die ich noch nie gesehen habe. Ihr müsst aus einem Land mit einer hoch entwickelten Zivilisation kommen. Dort gibt es doch sicher Möglichkeiten, die uns helfen können, gegen unsere Feinde vorzugehen“, erklärte er. Ich sah ihn entsetzt an. Dieser Mann wollte Waffen und andere Zerstörungswaffen von mir haben! Ich schluckte und fragte: „Zwingt Ihr mich dazu, dies für euch zu tun oder darf ich selbst entscheiden, was ich tue?“ Er sah mich mit zu Schlitzen verengten Augen an und sagte: „Ich zwinge euch zu nichts, aber ich sehe auch keinen Grund, warum Ihr es nicht tun solltet.“ Langsam geriet ich ins Schwitzen. Was durfte ich diesem Mann gegenüber wagen? Ich leckte mir über die Lippen und sagte: „Ich will euch nicht unterstellen, dass Ihr lügt, was eure Feinde betrifft. Dennoch sträube ich mich dagegen zu tun, was Ihr von mir verlangt. Ich entscheide gewohnheitsgemäß erst, wenn ich beide Seiten gesehen und beide Meinungen gehört habe.“ Er sah mich nachdenklich an und seufzte dann. „Nun, ich verstehe eurer Argument, auch wenn ich es nicht gerade gutheiße. Ich kann euch nur davor warnen, diesem Volk gegenüber zu treten. Ihr Hass hat sie zu Barbaren gemacht. Vielleicht solltet Ihr noch einmal in aller Ruhe über eure Entscheidung nachdenken. Ich gebe euch bis zum Abendmahl die Zeit euch frei durch meine Stadt zu bewegen und euch alles anzusehen. Ihr werdet heute Abend mit mir speisen und mir dann eure Entscheidung mitteilen. Ich werde sie akzeptieren, egal wie sie ausfällt. Über die Nacht seid Ihr Gast in meinem Zelt, einverstanden?“ Ich atmete tief durch und nickte dann. Er nickte ebenfalls und klatschte dann wieder in die Hände. Ein Diener erschien und er winkte ihn zu sich und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Der Diener eilte davon und Jerodan wandte sich wieder mir zu. „Einer meiner Männer wird euch durch die Stadt führen, aber bevor Ihr geht möchte ich euch noch einem Mann vorstellen, dem wir hier vieles zu verdanken haben.“ Bei diesen Worten öffnete sich eine Tür und ein kleiner Mann in einem schwarzen, fließenden Gewand trat ein. Seine unheimliche Erscheinung ließ ihn irgendwie größer erscheinen und als er nah genug bei uns war, konnte ich ihn genauer betrachten. Er hatte langes gewelltes, graues Haar, ein vom Alter gezeichnetes Gesicht und funkelnd blaue Augen. Um den Hals trug er ein seltsames Amulett mit geheimnisvollen Zeichen darauf. Für einen Wüstenbewohner war er ungewöhnlich bleich, aber er passte auch sonst überhaupt nicht in das typische Erscheinungsbild dieses Volkes. „Dies ist Vannay, unser Seher“, sagte Jerodan. Vannay sah mich mit durchdringendem Blick an und deutete ein Kopfnicken an. Ich sah ihn misstrauisch an. Etwas an der art dieses Mannes gefiel mir ganz und gar nicht. Auch Jerodan war beim Erscheinen Vannays sehr seltsam geworden. Er sah den Seher mit Ehrfurcht an und wirkte sehr von ihm eingenommen als er mir jetzt berichtete, was Vannay dank seiner Künste schon fertiggebracht hatte. Besonders stark betonte er, dass es Vannay gewesen war, der die Verräter entlarvt hatte. Er war außerdem stets dabei, dieses Volk zu einem großen, mächtigen Volk zu machen. Die ganze Sache gefiel mir immer weniger. Jerodan redete und redete und Vannay sah mich die ganze Zeit mit seinen funkelnden Augen an. Dann plötzlich hob er die Hand, worauf Jerodan augenblicklich aufhörte. „Das reicht, Jerodan. Ich denke unser Gast möchte sich jetzt die Stadt ansehen“, sagte Vannay mit einer seltsamen, wispernden Stimme. Jerodan nickte nur und klatschte wieder in die Hände. Während wir auf meinen Führer warteten, sagte Vannay: „Ich ziehe mich jetzt zurück, wenn Ihr erlaubt“ und ging durch dieselbe Tür wie vorher davon. Ich war froh ihn los zu sein, weil er ziemlich unheimlich war und freute mich als mein Führer kam und ich endlich die Stadt anschauen konnte.
Als ich nach draußen trat, war es als ob eine schwere Last von mir genommen worden war. Erst jetzt merkte ich wie dunkel es in dem Zelt gewesen war. Ich atmete tief durch und gab meinem Führer das Zeichen zum Aufbruch. In den nächsten Stunden sah ich viele interessante Dinge. Die Stadt war in verschiedene Bezirke eingeteilt, die alle verschieden waren und spezielle Werkstätten aufwiesen. Da gab es einen Bezirk für die Schmiede, die Künstler, die Wachen, die Händler, die Weber und viele andere. Wir kamen an Vannays Zelt vorbei, durchstreiften den Marktplatz, der nach orientalischen Dingen roch und ein unglaubliches Angebot hatte. Prächtige, äußerst schmackhaft aussehende Früchte, Geflügel, Gewürze, Stoffe und Haushaltsbedarf. Ich fragte meinen Führer wo die Früchte angebaut wurden und er führte mich zu den im Süden der Oase gelegenen Feldern und Plantagen. Auf den Feldern standen die Bauern bei der Ernte oder schleppten Körbe voller Früchte, Gewürze oder Hanfpflanzen zu den runden Silos am Rande der Felder. Hinter den Silos standen die ärmlichen Behausungen der Bauern. Auf einem eingezäunten Teil wurden Vögel gehalten, die wie Perlhühner aussahen. Ich sah wie die Bauern sich plagten und musste daran denken, wie sich die Reichen der Stadt die Bäuche vollschlugen ohne auch nur einen Gedanken an diese Menschen zu verschwenden. In jeder höher entwickelten Gesellschaft schien es Menschen zu geben, die weniger hatten und in gewissem Maße auch leiden mussten. Dies war nicht gerecht. Da ich von diesem Volk keine Bestrafung zu befürchten hatte, fragte ich meinen Führer, warum diese Menschen so sehr leiden mussten. Er sah mich erstaunt an und sagte dann: „Sie leiden nicht, Herrin. Sie wissen, dass sie damit den Aufstieg ihres Stammes zu einer großen Macht fördern.“ „Und was haben diese Bauern davon?“ „Auch sie werden eines Tages besser leben. Sie müssen sich nur ein wenig länger gedulden. Außerdem ist es eine große Ehre für sie zu wissen, dass sie ihren Anteil an diesem Aufstieg hatten. Schließlich kann nur dann eine große Zivilisation entstehen, wenn sie eine gute Agrarkultur besitzt.“ „Aber sie werden nie den Stand der Reichen erreichen, habe ich Recht?“ „Natürlich nicht! Aber sie sind es auch nicht wert so weit aufzusteigen. Nur die besten, reinsten Familien haben dieses Privileg.“ Ich starrte nachdenklich vor mich hin. Die Dinge waren schlimmer, als ich gedacht hatte. Diese Gesellschaft war auf dem Weg sich in eine Diktatur der Reichen zu verwandeln! Und all dies war das Werk von Vannay, einem verblendeten Mann, der glaubte, dass die einzig gute Gesellschaft eine autoritäre sei. Er hatte durch irgendwelche dunklen Künste erreicht, dass alle ihn verehrten, auf ihn hörten und seine Pläne umsetzten. Als krönenden Abschluss würde er sich wahrscheinlich selbst zum Anführer erklären, indem er Jerodan befahl zurückzutreten, was dieser ohne Widerrede auch tun würde. Wahrscheinlich hatten die Verräter nie einen Verrat begangen. Ich sah mich mit trüben Gedanken im Kopf um. Dies konnte und durfte nicht so weiter gehen. Ich musste eingreifen, auch wenn ich mich damit in Gefahr begab. Mein Führer berührte mich am Arm und sagte das es Zeit wäre zurückzukehren. Ich wollte nicht länger bleiben, aber ich musste. Ich konnte nur hoffen, dass Vannay nicht an dem Essen heute Abend teilnahm.
„Willkommen zurück, Hitana! Das Essen ist bereits aufgetischt. Ich hoffe Ihr hattet einen interessanten Ausflug. Kommt, setzt euch“, sagte Jerodan einladend. Wir setzten uns und Jerodan begann sich mit den Leckereien vollzuschlagen. Ich aß nur wenig; nach dem was ich heute gesehen und erfahren hatte, war mir der Appetit vergangen. Jerodan bemerkte dies zum Glück nicht und sprach erst wieder mit mir, als alles abgeräumt war. „Nun, nachdem Ihr Zeit zum Überlegen hattet, wie sieht eure Entscheidung aus?“ „Sie hat sich nicht geändert, Jerodan. Ich werde in keinen Krieg ziehen bevor ich nicht beide Seiten kenne.“ „Nun, so sei es. Ihr könnt morgen früh aufbrechen, wenn Ihr wollt. Den Weg zu den Verrätern müsst Ihr allerdings selbst finden. Ihr seid nun sicher müde, daher schlage ich vor Ihr geht jetzt zu Bett.“ Ein Diener brachte mich zu meinem Schlafgemach, in dem ein riesiges Himmelbett stand. Ich war froh, dass Jerodan mich nicht lange aufgehalten hatte und ich nun endlich schlafen gehen konnte. Ich schlief mit düsteren Gedanken im Kopf ein und erwachte mit einem ebenso düsteren Gemüt am nächsten Morgen. Das angebotene Frühstück von Jerodan schlang ich schnell herunter, dann packte ich meine Sachen und verabschiedete mich schnell. Wieder war es wie eine Befreiung aus dem Zelt zu kommen. Ich wanderte in Richtung Südosten weiter, da dies die einzige bisher unbekannte Gegend war. Nach zwei Tagen kam ich in ein Gelände mit vielen Dünen, die mal höher, mal niedriger waren. Das Vorankommen wurde mir dadurch etwas erschwert. Plötzlich nahm ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahr, aber als ich den Kopf in diese Richtung drehte, war niemand zu sehen. Wirkte sich die Hitze doch schlecht auf mich aus? Bekam ich schon Halluzinationen, obwohl ich mich nicht unwohl fühlte? Plötzlich spürte ich einen schmerzenden Stich am Hals. Ich fasste mir erstaunt an die Stelle und griff nach einem Pfeil, doch bevor ich ihn herausziehen konnte, begann der Stoff bereits zu wirken und mir wurde schwarz vor den Augen...
Als ich wieder aufwachte, befand ich mich in der Dunkelheit eines Zeltes, dass genau wie die Huranizelte aussah. Neben meinem Lager saß auf einem kleinen Hocker eine junge Frau, die vollständig in ein blassgelbes Gewand gehüllt war. Als sie sah, dass ich wach war, drehte sie sich um und rief nach jemandem den ich nicht sehen konnte. Einen Augenblick später kam ein Mann in derselben Kleidung an mein Lager und schaute mich ernst und ein wenig misstrauisch an. Dann nickte er der Frau zu und ging wieder. Die Frau lächelte mich vorsichtig an und sagte dann: „Steht auf Fremde, mein Mann Dronath möchte mit euch sprechen.“ Ich tat dies und sie führte mich zu einem anderen Teil des Zeltes. Dronath wartete dort auf einem Hocker sitzend. Er wies auf den Hocker vor sich und nickte dann wieder seiner Frau zu, die sich daraufhin entfernte. Dronath räusperte sich und sagte dann: „Ihr befindet euch im Gewahrsam des Shohanstammes. Mein Name ist Dronath und ich bin der Anführer hier. Ich habe veranlasst, dass man euch betäubt und zu mir bringt. Ihr kommt von den Hurani, habe ich Recht?“ „Ja, aber“ – „Das dachte ich mir. Sind die Hurani tatsächlich so dumm zu glauben, sie könnten einen Spion schicken, ohne das wir es merken, um so etwas über unser Vorhaben zu erfahren?“ „Ich bin keine Spionin! Ich gehöre noch nicht einmal den Hurani an. Hört mich an, ich bitte euch!“ „Also gut, redet!“ Und so erzählte ich ihm alles, was ich konnte. Als ich fertig war, sehr er mich grübelnd an und sagte dann: „Ich glaube euch und ich bin sehr froh darüber, dass Ihr euch so entschieden habt. Vannay ist tatsächlich ein verblendeter Mann, der unseren einstigen Stamm durch seine Zungenfertigkeit dazu gebracht hat seine Pläne zu verwirklichen. Meine Kameraden und ich durchschauten sein falsches Spiel und versuchten Jerodan klarzumachen, was Vannay vorhatte. Wir waren ihm ein Dorn im Auge, denn wir konnten ihm als einzige gefährlich werden. Darum hat er uns zu Verrätern erklärt und wir wurden verstoßen. Wir haben uns hier neu gruppiert und wollen mit allen Mitteln gegen Vannay vorgehen. Wir können nur hoffen, dass nach seiner Beseitigung der Zauber von unserem Stamm abfällt und sie die Wahrheit erkennen.“ „Ihr wollt ihn also umbringen, habe ich Recht?“ „Natürlich! Es gibt keinen anderen Weg!“ „Ich kann verstehen, dass Ihr auf Vannay wütend seid. Ich konnte ihn auch nicht leiden. Dennoch gibt es einen Weg ihn zu beseitigen ohne ihn zu töten.“ Dronath sah mich verwirrt an und bat um eine Aufklärung. „Jetzt ist nicht die Zeit dafür, Dronath. Es wäre zu kompliziert und unglaublich, als das ich es euch jetzt sagen könnte. Könnt Ihr mir ein wenig Zeit geben, damit ich alles für mein Vorhaben vorbereiten kann?“ „Selbstverständlich. Aber sagte mir wenigstens, ob ich etwas für euch tun kann?“ „Gebt mir einige Proviante. Ich muss für kurze Zeit in meine Heimat reisen, um alles zu holen, was ich brauche.“ Dronath nickte und bat mich diese Nacht noch bei ihm zu übernachten. Ich nahm das Angebot dankend an und legte mich schlafen. Am nächsten Morgen gab mir Dronath Proviant und Wasser und verabschiedete mich dann. Ich kehrte zu dem Felsen im Süden zurück, wo mein Verbindungsbuch lag und benutzte es. Bei mir zu Hause holte ich mir meine Tinte, meine Feder, zwei Kortee’nea und ein neues Journal. Außerdem brauchte ich noch das Buch mit den Formeln. Ich wollte ein Gefängnisbuch für Vannay erstellen. Als ich alles hatte, kehrte ich nach Jaseri zurück. Bei den Shohani angekommen, bat ich Dronath um einen ruhigen Platz an dem ich ungestört arbeiten konnte. „Bitte ruft von draußen, wenn Ihr etwas wollt, Dronath. Ich möchte nicht gestört werden. Meine Arbeit wird eine Weile brauchen.“ Dronath respektierte meine Wünsche und ließ mich allein. Ich schrieb zuerst das Verbindungsbuch zurück zu meinem Heim, so dass ich von überall zurückgehen konnte. Dann schlug ich das Buch mit den Formeln für das Gefängnisbuch auf und begann zu schreiben.
Es dauerte drei Wochen bis ich fertig war. Ich ging zu Dronath und sagte ihm, ich sei fertig. „Wie sieht nun eurer Plan aus, Hitana?“ „Beantwortet mir noch eine Frage, Dronath, dann erkläre ich euch meinen Plan.“ Dronath nickte nur und ich fragte: „Woraus macht Ihr den Stoff für eure Betäubungspfeile?“ Dronath lächelte und ging kurz nach draußen. Als er wieder hereinkam hatte er die seltsame Frucht in der Hand, welche ich schon einmal gesehen hatte. „Aber ich habe gesehen, wie ein Tier, diese Frucht gefressen hat“, sagte ich erstaunt. „Sie besitzen vielleicht eine Immunität gegen das Gift.“ „Gut. Ich möchte, dass Ihr viele Betäubungspfeile macht. Damit werdet Ihr die Wachen für eine Weile außer Gefecht setzen. Wir müssen uns nachts in die Stadt schleichen und zu Vannays Zelt vordingen. Ich werde ihn dann mithilfe meines geheimen Mittels ausschalten. Denkt Ihr, dass dies alles möglich ist?“ „Uns wird niemand bemerken, aber Ihr kennt nicht das Geheimnis des lautlosen Ganges.“ „Könnt Ihr mir diesen Gang nicht beibringen?“ „Naja, es wird vielleicht ein wenig dauern, aber ich denke, dass Ihr es schaffen könnt.“ Und so beschäftigten wir uns eine Woche lang mit dem lautlosen Gang. Danach waren wir soweit endlich zuzuschlagen. Eines Nachts schlichen wir uns zusammen mit Dronaths besten Schützen zu der Stadt. Die Schützen trafen die Wachen alle, welche leise niedersanken und ruhig liegenblieben. Dann, bei Vannays Zelt angekommen, schlüpfte ich hinein und holte das Gefängnisbuch heraus. Plötzlich hörte ich ein Geräusch und legte das Buch schnell auf einen Tisch und öffnete es. Dann verschwand ich hinter einem Vorhang; gerade rechtzeitig, denn schon tauchte Vannay auf und schaute sich um. Anscheinend hatte er auch etwas bemerkt. Er sah das Buch, dessen Fenster ein sanftes Licht von sich gab, sofort und ging darauf zu. Er betrachtete lange das Fenster, welches ihm eine wunderschöne Landschaft zeigte. Dann endlich berührte er es mit den Fingern und löste sich langsam auf. Von meinem Versteck aus konnte ich noch sehen, wie ein verwirrter Ausdruck auf sein Gesicht trat, dann war er verschwunden. Ich atmete erleichtert auf und nahm das Buch.
Am nächsten Tag war alles ganz anders. Die Menschen machten einen großen Bogen um Vannays Zelt und überall wurde darüber getuschelt, dass er sich durch seine seltsamen Künste selbst geschadet hatte. Jerodan begrüßte die fünf Männer vom Shohanstamm mit offenen Armen. Alte Fehler wurden verziehen und die beiden Stämme vereinten sich und wurden wieder ein einziger. Von nun an gab es niemanden mehr, der weniger hatte, als jemand anderes. Es gab ein großes Wiedervereinigungsfest, zu dem auch ich eingeladen war. An diesem Abend gab es ein großes Bankett für alle Bewohner und danach einige Zerstreuungen. Ich lächelte still vor mich hin, als ich sah, wie glücklich sie alle waren. Ich wusste, dass ich das Richtige getan hatte und das die Dinge nun wieder einen guten Lauf nahmen. Am nächsten Tag verabschiedete ich mich bei den Hurani mit den Worten, dass auch ich zu meinem Volk zurückkehren musste. Sie waren alle betrübt; aber als ich ihnen versprach wiederzukommen waren sie wieder zufrieden. Ich verlasse diese Welt mit einem guten Gefühl und freue mich schon auf meine Rückkehr und die Änderungen, welche bis dahin eingetreten sein mögen. Zu Hause schloss ich das Buch Jaseri und stellte es in mein Bücherregal zu dem Buch Shoriva. Dann zog ich meinen Mantel aus und legte mich hin. Ich schlief friedlich ein und träumte von einer neuen Welt...

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3. Welt Anaria

Seit Tagen geistert der Name für eine neue Welt durch meinen Kopf, ohne dass ich eine genaue Vorstellung von dieser Welt habe. Ich bin derzeit damit beschäftigt Entwürfe von Dingen zu machen, die ich im Geiste habe und vielleicht eines Tages verwirklichen werde. Doch nun da ich schon den Namen für eine Insel habe, möchte ich auch die Insel schreiben. In meinem Geiste forme ich ein Konzept und mache mir einige Zeichnungen und Notizen. Eine Stunde später betrachte ich die Entwürfe mit einem leichten Stirnrunzeln. Sie ähneln nichts, was ich vorher schrieb. Sie sind vom Stil her völlig anders als das was ich so gerne anwende. Die Bilder zeigen Teile einer trostlosen Landschaft, deren einzige Besonderheit spezielle Mineralien in der Erde sind. Ich habe ein gewisses Interesse an Geologie und die Aufgabe eine Welt zu schreiben, die völlig anders ist, lockt mich. Ich greife nach einem Kortee´nea und beginne.
Es dauerte vier Wochen Anaria fertig zu stellen. Es fiel mir schwer, die Beschreibungen der Mineralien zu schaffen. Außerdem habe ich versucht eine stabile Welt zu schaffen, in der es dennoch oft Veränderungen geben sollte. Dazu musste es eine innere Energie im Planeten geben. Als ich heute das Buch müde schloss und mich hinlegte, hoffte ich das alles gelungen war und freute mich schon auf die neue Welt.
Ich verband mich und stand kurz darauf in einer lebensfeindlichen Landschaft. Der Boden bestand aus rissigem und faltigem Vulkangestein mit vielen Spalten, aus denen gelegentlich zarte Pflänzchen hervorschauten. Manche Risse waren sehr tief, sodass man Acht geben musste, dass man nicht dort stecken blieb und sich der Fuß verstauchte. Der Vulkan am Horizont war fast vollständig von Wolken umgeben. Besonders schlimm sah der Himmel aus: Überbleibsel von Aschewolken hingen noch immer in der Luft und verdeckten die Sonne, sodass es nur ein blasses Zwielicht gab. Vorsichtig auf die Risse achtend, begann ich meinen Rundgang. In dieser Landschaft gab es nicht sehr viel zu sehen. Das interessanteste waren wohl die seltsamen Steinformationen, welche sich an einigen Stellen gebildet hatten. Manchmal konnte man Formen erkennen, aber meist waren es sehr bizarre Gebilde.
Zum Abend kam ich an die Küste und konnte ein Schauspiel von seltsamer Schönheit beobachten. Als die Sonne unterging wurden der Horizont und die Wolken in ein dunkles Rot gehüllt, dass beinahe Blutrot war. Hier schlug ich mein kleines Einmannzelt auf und legte mich schlafen. Am nächsten Morgen verfolgte ich den Sonnenaufgang. Er war blassorange und ging dann wieder in die typische blassgelbe Farbe über. Ich setzte meinen Weg in Richtung Osten fort und stieß bald auf eine äußerst interessante Szenerie. Ein Gesteinbrocken, der sich beim letzten Vulkanausbruch gelöst hatte und ein Stück geflogen war, hatte hier einen mittelgroßen Krater geschaffen, in dem sich über die Zeit ein Teich aus Regenwasser gebildet hatte. Aus diesem Teich schauten die Überreste des Gesteinbrockens, sowie weitere Steinformationen. Das besondere bei diesen Steinen war, dass ich gelegentlich ein leichtes Glitzern im Stein sehen konnte. Vermutlich gab es dort einige interessante Mineralien. Einer der Steine war nicht vom Ufer entfernt, sodass ich gut herankam und eine Probe mit dem Meisel nahm, welchen ich eingesteckt hatte. Bald hatte sich mein Beutel mit den verschiedensten Arten von Gesteinen gefüllt und mein Rucksack wurde gleich etwas schwerer. Ich würde sie zu Hause untersuchen. Nun wollte ich mich in Richtung des Vulkans aufmachen und mir dort alles ansehen.

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Anaria

Die Gegend durch die ich laufe, ist bizarr, lebensfeindlich und dennoch äußerst faszienierend. Ich befinde mich etwa 700 Meter über dem Meeresspiegel und komme dem Vulkan immer näher. Hier wächst kein Grün mehr. Alles besteht aus dem grau-schwarzen Vulkangestein. Aus einigen Spalten steigt Rauch auf und ich komme an heißen, blubbernden Schwefelquellen vorbei, deren Rauch alles um sie herum in einen dicken nebel hüllt. Der Gestank ist furchtbar, aber dank eines Tuches, dass ich mir umband ist es nicht ganz so schlimm. So werde ich auch vor giftigen Gasen geschützt. Je näher ich dem Vulkan komme, desto mehr spüre ich die Hitze vom Boden aufsteigen. Die Magmakammern können nur wenige hundert Meter unter mir sein. In einer Höhe von etwa 1300 Metern erreiche ich die Spitze des großen Kegels, des Vulkans. Es war ein langwieriger, anstrengender Aufstieg und trotz der feindlichen Umgebung beschließe ich hier ein bisschen zu rasten. An den Vulkan werde ich nicht weiter herangehen, da er ziemlich aktiv ist. Ich weiß nicht, wielange der letzte Ausbruch her ist, aber mir scheint als würde der Vulkan relativ oft ausbrechen. Nach dem nächsten Ausbruch werde ich sehen, ob mein Versuch geklappt hat und die Insel noch stabil ist. Der Vulkan beeinhaltet die Energie, welche dazu führt, dass die Insel ständig im Wandel ist. Allerdings muss es auch andere Möglichkeiten geben, einen stetigen Wandel zu schaffen, denn ein Vulkan würde Bestehendes immer wieder auslöschen. In einer Welt, wo es nichts gibt, ist das nicht schlimm, aber für eine Welt, in der eine Zivilisation existieren soll, muss es eine andere Lösung geben.
Ich setze meine Forschung im Punkte Geologie fort. Ich habe soviele verschiedene, faszinierende Gesteinsarten hier gefunden, dass ich es kaum erwarten kann, sie zu untersuchen. Vielleicht sollte ich auch ein kleines Forschungscamp errichten, in dem ich einige Geräte unterbringen und die Steine untersuchen kann. Ich müsste es nur so einrichten, dass es schnell wieder abbaubar ist, damit es nicht beim nächsten Ausbruch zerstört wird. Mit diesen Gedanken im Kopf lasse ich nocheinmal den Blick über diese seltsame Landschaft schweifen, bevor ich mich wieder zu meinem Zuhause verbinde und mit der Auswertung meiner Proben beginne.
Ich sitze gebeugt über meinen Instrumenten und werte meine Proben aus. An der Beschaffenheit des Vulkangesteins kann ich sehen, dass der letzte Ausbruch schon 10 Jahre her ist. Das erklärt auch, warum sich ganz unten am Wasser schon die ersten Pflänzchen gezeigt haben. Den Aktivitäten nach, welche ich am Vulkan beobachten konnte, ist es nicht mehr lange hin bis zum nächsten Ausbruch. Ich werde das ganze noch weiterhin beobachten müssen, aber ich schätze, dass der Vulkan regelmäßig alle 10 Jahre ausbricht. Die anderen Gesteinsproben, welche ich fand sind sehr interessant. Bei den glitzernden Stücken aus den Felsformationen im Kraterteich handelt es tatsächlich um eine Art Edelstein von einer ähnlichen Beschaffenheit wie Bergkristalle. Weitere Proben zeigen Edelsteine in den unterschiedlichsten Farben und Formen, die alle mit Edelsteinen von der Erde Ähnlichkeiten haben, aber dennoch anders sind. Ich freue mich, dass es mir gelungen ist dies zu beschreiben und sehe, dass ich mit der Kunst wirklich gute Fortschritte mache. Vorstellungen von einer Welt, in der eine große Zivilisation friedlich lebt und stets gefordert ist ihr Bestes zu geben, liegen noch in weiter Ferne. Dies ist eine schwierige Aufgabe, welche ich im Moment noch nicht bewältigen kann. Doch eines Tages wird er wahr werden – der Traum von einer großartigen Welt!

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BeitragVerfasst: 05.08.2005 - 10:21 
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4. Welt Tugola

Die Forschungen an Anaria sind fürs erste abgeschlossen. Bei meinem letzten Besuch zeigte der Vulkan immer stärkere Anzeichen für einen baldigen Ausbruch, weshalb ich mich dort nicht länger aufhalten möchte. Nach einiger Zeit werde ich mir die Insel wieder ansehen und vielleicht auch ein kleines Labor errichten, um nicht immer mit den Proben nach Hause gehen zu müssen. Bis dahin brauche ich aber eine Beschäftigung und so habe ich beschlossen einige Entwürfe, welche ich gemacht habe, in einer neuen Welt einzubringen. Und so setze ich mich wieder an meinen Schreibtisch und schlage die Brücke zu einer weiteren Welt.
Es dauerte fast fünf Wochen die neue Welt zu schreiben. Das lag vor allem daran, dass ich eine Zeit lang erkältet war und mich zu schwach und unkonzentriert fürs Schreiben fühlte. Letztendlich habe ich die Arbeit an der Welt abgeschlossen und sie Tugola genannt. Diesmal musste ich eine besondere Ausrüstung in die Welt mitnehmen, denn Tugola ist eine Welt aus Schnee und Eis. Eingehüllt in eine warme Winterjacke, lege ich eine behandschuhte Hand auf das Buchfenster und verbinde mich. In Tugola tobte gerade ein Schneesturm, aber ich ließ mich nicht davon abhalten und verhüllte mich noch ein wenig mehr. In meinen schweren Wildlederstiefeln stapfe ich durch den meterdicken Schnee und kann nur wenig sehen. Ich gehe einfach in eine beliebige Richtung und stemme mich gegen den starken Wind. Nach drei Stunden hört der Sturm endlich auf und ich setze mich erst einmal erschöpft hin. Inzwischen befinde ich mich in einem Gebiet, in dem ein paar wenige Nadelbäume wachsen. Hier ist es etwas windgeschützter, weshalb ich beschließe mein Lager aufzurichten. Das Zelt befestige ich doppelt so stark wie sonst, da ich sonst befürchten müsste, dass es wegfliegt. Ich errichte noch sicherheitshalber eine Feuerstelle vor dem Zelt, falls herumstreunende Tiere Interesse an meinem Zelt zeigen. Dann gehe ich ins Zelt, steige in meinen Schlafsack, kuschele mich ein und schlafe. In der Nacht wache ich einmal auf, weil ich nicht weit von meinem Standort Wölfe heulen höre. Durch die Wand des Zeltes kann ich aber sehen, dass mein Feuer noch brennt und brauche daher nichts zu befürchten. Den Rest der Nacht schlafe ich unruhig und glaube immer wieder Geräusche zu hören. Ich bin froh, wenn auch unausgeschlafen, als es morgen wird und breche nach einem guten Frühstück wieder auf. Stundenlang stapfe ich durch meterhohe Schneewehen und bin am Mittag ziemlich außer Atem. Bei einer kurzen Rast in einem kleinen Hain nicke ich nach dem Mittagessen ein und merke nicht, wie mir immer kälter wird. Als die Abenddämmerung einsetzt erscheinen langsam wieder die Wölfe. Sie haben schnell meine Witterung aufgenommen und kommen schnell in meine Richtung. Als ein heftiger Windstoß etwas Schnee von dem Baum über mir herunterwirft und etwas davon auf mein Gesicht fällt wache ich auf und stelle fest, dass ich eine Unterkühlung habe und meine Glieder kaum bewegen kann. Durch das Schneegestöber kann ich einige undeutliche Schemen wahrnehmen, welche immer näher kommen. Das starke Hecheln kann ich durch das Rauschen des Windes nicht hören. Ich ahne, dass diese Schemen nichts gutes bedeuten und versuche aufzustehen, doch meine Knie versagen und ich falle wieder zurück. Langsam überkommt mich Panik. Fieberhaft versuche ich mit ungelenken behandschuhten Händen an mein Jagdmesser heranzukommen. Aber auch meine Hände sind in der Kälte klamm und schwer beweglich geworden. Inzwischen kann ich erkennen, dass die Schemen Wölfe sind und fast bei mir angekommen sind. Mit schmerzenden Fingern und klopfendem Herzen schaffe ich es endlich das Messer zu ziehen. Doch wie soll ich mit einem Messer gegen fünf Wölfe ankommen und das auch noch mit steifen Gelenken? Nocheinmal versuche ich aufzustehen und schaffe es, obwohl meine Knie das Gewicht meines Oberkörpers kaum halten können und ich große Schmerzen habe. Dann fällt mir im letzten Moment die rettende Idee ein. Ich greife in meinen Rucksack, hole einen Scheit von meinem Feuerholz heraus und entzünde schnell ein Feuer. Mit dem brennenden Scheit in der linken und dem Messer in der rechten Hand warte ich auf die Wölfe. Sie kommen heran und bleiben dann abrupt stehen, als sie das Feuer sehen. Ich fuchtle mit dem Scheit und dem Messer herum und schreie sie an. Langsam und zögernd entfernen sich die Wölfe wieder, da sie erkennen, dass sie hier im Moment keine Beute reißen können. Meine Knie gaben vor Anstrengung und Angst wieder unter mir nach und ich fiel schwer atmend in den Schnee. Ich war gerade noch mit dem Leben davongekommen!

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BeitragVerfasst: 06.08.2005 - 10:06 
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Tugola

Als ich mich ein wenig beruhigt hatte, baute ich eine Feuerstelle und wärmte mich so lange, bis meine Glieder wieder beweglicher wurden. Dann errichtete ich mein Zelt, schlüpfte in den Schlafsack und legte mich hin. So etwas durfte nie wieder passieren! Ich konnte froh sein, dass die Wölfe wieder abgezogen waren. Soweit ich es beurteilen konnte, hatte ich mir keine ernsthaften Erfrierungen zugezogen. Mir war immer noch etwas kühl und in solchen Situation wünschte ich mir einen Gefährten zu haben, der mir half. Wenn man alleine war, musste man auf sich selbst aufpassen, wenn man einen Partner hatte, konnte dieser es tun. Ich seufzte und schlief langsam ein. Am nächsten Morgen fühlte ich mich besser und brach wieder auf. Im Laufe des Tages begann ich zu Husten und machte mir wieder Sorgen um meine Gesundheit. Von meiner letzten Erkältung war ich immer noch geschwächt und ich konnte mir jetzt keine weitere leisten. Wenn es jedoch schlimmer wurde, würde ich vielleicht meine Reise abbrechen und nach Hause zurückkehren müssen, um mir in der Stadt Medikamente zu besorgen. Genau das war es, was ich jetzt nicht tun wollte. Ich war sonst ein vernünftiger Mensch und wäre unter anderen Umständen längst wieder umgekehrt, aber mein Forscherdrang und das unbestimmte Gefühl, dass es hier noch mehr als Schnee, Eis, Nadelbäume und Wölfe geben musste, hielten mich zurück. Ich wanderte also weiter und suchte nach etwas von dem ich nicht wusste was es war oder ob es überhaupt existierte. Ich kam in ein größeres Waldgebiet, indem weniger Schnee lag und es auch etwas wärmer schien. Das dichte Nadeldach der Bäume schuf eine geschützte Atmosphäre. Ich rastete hier und schaute mich um. Nach einer Weile nahm ich Bewegungen im Dickicht wahr. Ein kleines grau-weißes Tier mit langem, eingeringeltem Schwanz, langen Ohren und kurzer Nase sprang auf langen Hinterläufen aus einem Gebüsch hervor und beugte sich immer wieder zum Boden hinunter, wo es nach Nahrung schnupperte und gelegentlich mir den kurzen Vorderläufen im Schnee herumscharrte. Als es einen Tannenzapfen gefunden hatte, nahm es ihn mit den Krallen der Vorderläufe auf, beugte sich darüber und begann daran zu knabbern. Dabei schaute es immer wieder auf, da es stets auf Gefahren vorbereitet sein musste. In den Bäumen saßen graue Vögel mit wuscheligem Gefieder und zwitscherten miteinander. Ich entdeckte Löscher, in denen Eichhörnchen Winterschlaf hielten und alte, ausgehöhlte Baumstämme in denen sich wahrscheinlich weitere Tiere versteckten. Es gab hier also mehr Leben, als man ahnte. Ich brach wieder auf und ging noch eine Weile weiter durch den Wald, bis er sich langsam wieder lichtete und ich wieder in der endlosen weißen Landschaft stand. Ich konnte froh sein, dass es hier so viele kleine Haine gab, denn auf der freien Fläche konnte man wegen dem starken Wind unmöglich übernachten. Ich schlief wie immer etwas unruhig und wachte am nächsten Morgen mit Kopf- und Halsschmerzen und einem noch stärkeren Husten wieder auf. Bei meinem kargen Frühstück hatte ich kaum Appetit und als ich meine Stirn befühlte, spürte ich eine leicht überhöhte Temperatur. Im Tagesverlauf wurde mir schwummerig und ich sah alles durch einen leichten Nebel. Dennoch trieb mich ein unbezwingbarer Forscherdrang weiter und weiter, bis ich am Abend erschöpft bei einem Baum niedersank und einschlief. Ich hatte es nur noch geschafft ein Feuer zu errichten und mich in meinen Schlafsack zu wickeln, dass Zelt aber hatte ich nicht errichtet. In der Nacht kam ein weiterer Schneesturm auf und ich wurde trotz des schützenden Baumes eingeschneit. Ich versank in einem Delirium...alles um mich herum wurde immer verschwommener und ich begann zu halluzinieren...dann war nur noch Dunkelheit um mich...

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BeitragVerfasst: 07.08.2005 - 10:45 
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Tugola

Wieder war Nebel um mich. Dann tauchten zwei verschwommene Gesichter auf, die in einer fremden Sprache redeten und sich so anhörten, als wäre ich unter Wasser und könnte ihre Stimmen über dem Wasser nur verzerrt hören. Dann umgab mich wieder Dunkelheit und dann fühlte ich mich, als ob ich schwebte und als ich nach unten sah, war der Boden ein kleines Stück unter mir. Die Dunkelheit setzte sich fort und ich hörte nur die Stimmen. Irgendwann spürte ich, wie mir eine heiße Flüssigkeit eingeflößt wurde, die nach Kräutern und Tierfett schmeckte. Ich spürte, wie sie mich kräftigte. Langsam kehrte mein gesamtes Bewusstsein wieder zu mir zurück. Dann öffnete ich die Augen und sah eine felsige Decke über mir. Ich war in warme Felle gehüllt und ruhte auf einer weichen Unterlage. Plötzlich erschien über mir ein Gesicht. Ich glaubte es schon einmal gesehen zu haben, als ich noch im Fieber lag. Ich riss erstaunt die Augen auf, denn so einen seltsamen Menschen hatte ich noch nie gesehen. Es war eine junge Frau mit langem, dunklem Haar und dunklen Augen, in denen etwas seltsam unmenschliches lag. Das seltsamste war aber ihr Gesicht. Die Kieferpartie war stark nach vorn geschoben, was ihr ein eher männliches Aussehen gab. Ihre Handrücken waren viel stärker als die meinen beharrt, bildeten aber noch kein Fell.
Sie war in verschiedenartige, zusammengeflickte grau weiße Felle gehüllt und trug, genau wie ich Wildlederstiefel, die etwas grober als die meinen gearbeitet waren. Sie sah mich neugierig an und sagte etwas in einer Sprache, die ich nicht verstand und welche ziemlich seltsam klang. Es war eine Ansammlung von verschiedenen Grunz- und Schnatterlauten, aus denen ich mir überhaupt keinen Reim machen konnte. Ich setzte mich vorsichtig auf und stieg aus dem Bett, wobei ich bemerkte, dass ich immer noch meine Kleidung trug. Die Frau entfernte sich ein wenig von mir und sah mich angstvoll, aber auch neugierig an, während ich meine Stiefel anzog und vom Bett aufstand. Ich fühlte mich wieder ganz gesund und schaute mich um. Mir fiel auf, dass die Frau wesentlich kleiner als ich war. Sie sah dies wohl auch zum ersten Mal, denn sie entfernte sich noch ein wenig mehr von mir. Ich befand mich in einer mittelgroßen Höhle, in der nicht viel stand. Das Bett war ein großer Haufen aufgeschichteter Felle. Es gab keine Möbel, stattdessen waren die Gebrauchsgegenstände in kleinen Aushöhlungen im Stein oder an den Wänden auf dem Boden aufbewahrt. Ich betrachtete die Gegenstände näher. Es gab kein richtiges Geschirr, außer kleinen, steinernen Schüsseln; kein Besteck; die Kochutensilien bestanden aus einem groben Kochlöffel aus Horn, einem großen lederartigen Sack als Kochtopf; die Trinkflaschen waren lederartige Säcke und dann gab es noch eine klobige Steinschüssel mit einem großen Steinmörser. Die Kochstelle war der einzige Ort, wo es ein Feuer gab, über dem ein Steingestell stand, dass wohl den Kochtopf hielt.
Die einzig gut gearbeiteten Dinge waren die Waffen und Werkzeuge. Ein guter Bogen mit einer Sehne aus Darm; Pfeile aus Holz mit angespitztem Ende; lange Speere mit angespitztem Ende; Jagdmesser aus Stein mit scharfgehauenen Spitzen; Hammer aus einem großen, groben Stein und einem Stiel, der zwar in dem Hammer steckte, aber zusätzlich mit einer Lederschnur festgehalten wurde; Meisel aus spitz zugehauenem Stein und viele verschiedene Messer aus Stein zum Aufschlitzen von Tierleibern. An einer Stelle auf dem Boden lagen Kräuter, deren Geruch ich von der Flüssigkeit kannte, welche man mir gegeben hatte. Das musste wohl Brühe gewesen sein. Andere Vorräte, wie Tannenzapfen und offenbar gesalzenes Fleisch lagen daneben. An einer anderen Stelle lagen einige persönliche Gegenstände, wie ein grober Hornkamm, einige Ketten, aus Zähnen, Knochen und kleinen Steinstücken, Armbänder und kleine, grobe Figuren aus verschiedenen Materialien. Das Seltsamste waren aber die Lichtquellen an den Wänden. Es waren grobe, weiß- gelb leuchtende Steine, die auf Vorsprüngen befestigt waren und genug Licht warfen, um den Raum in ein ausreichend helles Licht zu hüllen. Das Material aus dem sie bestanden, war mir unbekannt, aber sie mussten natürlichen Ursprungs sein. Wahrscheinlich fand man sie in den Felsen dieser Höhlen. Plötzlich hörte ich Schritte und drehte mich um. Durch den Fellvorhang am Höhleneingang war der Ehemann der jungen Frau getreten. Auch ihn hatte ich schon gesehen. Er war nicht viel größer als seine Frau und sah bis auf den Bart im Gesicht, genauso aus wie sie. Auch er schaute mich mit dieser Mischung aus Angst und Ehrfurcht an. Ich konnte ihre Sprache nicht, aber ich wollte versuchen mich irgendwie mit ihnen zu verständigen. Ich begann Zeichen mit den Händen und Gesichtsausdrücke zu machen, welche besagen sollten, dass sie keine Angst haben mussten und das ich ihnen für ihre Versorgung danke. Sie verfolgten meine Bewegungen aufmerksam und schienen mich zu verstehen, da der ängstliche Ausdruck nach und nach von ihren Gesichtern abfiel. Sie betrachteten mich aber weiterhin mit einem erstaunten Ausdruck. Ich musste auf sie genauso seltsam wirken, wie sie auf mich. Ich trug ja schließlich andere Kleidung, seltsame Gegenstände und ein ganz anderes Gesicht. Nachdem ich nun dies alles gesehen hatte, wurde mir klar, wo ich mich befand. Ich war bei einem Volk, das den steinzeitlichen Völkern der Erde ähnelte. Jetzt wusste ich auch woher ich das seltsame Aussehen dieser Menschen kannte. Sie hatten große Ähnlichkeit mit den Neandertalern der Erde, was ihre starke Behaarung, ihre kaum entwickelte Zivilisation, die Grunzlaute und die seltsamen Augen bewiesen.

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Tugola

Ich beschloss mehr über dieses steinzeitliche Volk herauszufinden und bedeutete dem Mann mich nach durch das Dorf zu führen zu führen. Wir traten durch den Höhlengang und standen in einem steinernen Tunnel. Während der nächsten Stunden kamen wir an zehn weiteren Höhlen derselben Größe und Ausstattung vorbei. Offenbar sorgte jede Familie für sich selbst, denn Handwerks- oder Gewerbebetriebe sah ich nicht. Jeder muss hier lernen, wie man Stein bearbeitet, einen Bogen fertigt oder jagen geht. Die Höhlen sind von ihrer Hand gefertigt, was mich am meisten beeindruckte. Hier müssen in etwa 20 Menschen leben, die in einfachsten Verhältnissen leben und dennoch eine gut funktionierende Gesellschaft zu bilden scheinen. Ich erfuhr, dass es hier auch einen Anführer gab und beschloss ihn so bald wie möglich aufzusuchen. Dann kehrten wir wieder in die Höhle zurück und der Mann ging jagen, während die Frau schon ein wenig Essen vorbereitete. Sie nahm die Tannenzapfen, zerkleinerte sie in der großen Schüssel mit dem Mörser bis sie eine mehlige Konsistenz angenommen hatten, vermengte dies mit Wasser, streute einige Kräuter hinein und ließ es kochen bis es eine breiige Form hatte. Der Mann kam mit einem Kaninchen zurück und die Frau servierte den Brei. Ich war etwas skeptisch, wie dieses seltsame Essen schmecken würde, aber nachdem ich vorsichtig davon probiert hatte stellte ich fest, dass es ganz annehmlich war. Ich fragte den Mann in der Zeichensprache, ob es möglich für mich war mit auf die Jagd zu kommen, worauf er ein seltsames Gesicht machte und mir bedeutete, dass er erst mit dem Anführer reden müsse. Ich bat ihn mich am nächsten Morgen zu dem Anführer mitzunehmen, worauf er wieder das Gesicht verzog, aber zustimmte. Nach einer angenehmen Nacht in der Höhle meiner Retter, führte mich der Mann am nächsten Morgen zum Anführer dieses Volkes. Seine Höhle unterschied sich von den anderen nur insofern, dass sie mit Höhlenmalereien geschmückt war, welche verhältnismäßig gut gemacht waren. Der Anführer saß auf einem Lager aus Fellen und sah mich mit großen Augen an. Er war höchstens fünf Zentimeter größer als alle anderen Leute hier und hatte bereits einige graue Haare im Bart und Haar. Auch für ihn war ich eine außergewöhnliche Erscheinung. Ich machte dem Mann mit der Zeichensprache klar, was ich wollte und er redete dann in dieser seltsamen Sprache mit dem Anführer. Nach einiger Zeit verdüsterte sich sein Gesicht und ich wusste, dass irgendetwas nicht in Ordnung war. Der Mann bedeutete mir, dass Frauen, egal wie sie gebaut waren oder woher sie kamen oder ob sie etwas besonderes waren, sie durften nicht auf die Jagd. Ich hatte mir so etwas beinahe gedacht und entschuldigte mich für mein anmaßendes Verhalten. Nach dieser Unterredung bat ich den Mann gehen zu dürfen und bedankte mich für die Rettung und Versorgung. Er gab mir noch einige Vorräte mit und führte mich dann zum Eingang des Tunnels. Ich blinzelte, als ich in das helle Licht der Außenwelt trat und schaute mich dann um. Wir befanden uns etwa in 300 Metern Höhe und unter uns erstreckte sich über ein großes Gebiet ein Nadelwald. Dort gingen die Männer dieses Volkes wohl jagen. Vorsichtig liefen wir den Abhang herunter. Ich drehte mich zum Tunneleingang um und schaute mich etwas irritiert um. Der Eingang war nicht auszumachen. Erst bei ganz genauem Hinsehen entdeckte ich ihn. Er war wirklich gut versteckt. Der Eingang war in ein großes Gebirge gehauen, dass sich weit dahinstreckte. Am Ende des Abhangs blieb der Mann stehen und verabschiedete sich von mir. Ich winkte ihm ein wenig zu, dann drehte ich mich um und lief in den Wald hinein. Nachdem ich ein ganzes Stück gegangen war, griff ich nach einem Verbindungsbuch, legte es in eine Aushöhlung in einem Baum, öffnete es und verband mich wieder mit meinem Zuhause. Dort legte ich meine Sachen ab und legte mich erst einmal ins Bett. Eine ganze Weile dachte ich noch über das steinzeitliche Volk nach und war in gewisser Weise froh, dass ich so unvorsichtig gewesen war, denn sonst hätte ich dieses Volk wahrscheinlich nie gefunden. Friedlich schlief ich ein, mit dem Wissen das man manchmal Fehler machen musste und das meine Arbeiten immer besser wurden...

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BeitragVerfasst: 19.08.2005 - 17:39 
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5. Welt Genovai

Nun saß ich wieder zu Hause und dachte über die Welten nach, zu welchen ich eine Brücke geschlagen hatte und musste feststellen, dass alle Völker die eine Welt bewohnten ein schwieriges, entbehrungsreiches Leben führen mussten. Sie hatten nur genug um sich gerade am Leben zu halten und mussten ständig um ihre Existenz fürchten. Wie konnte man die Brücke zu einer Welt schlagen, in welcher eine Bevölkerung lebte, die ein gutes Leben führte; aber auch oft gefordert war, sodass sich die Gesellschaft weiterentwickeln konnte. Konnte man nur durch Angaben von Klima, Vegetation und Beschaffenheit einer Welt die Entstehung einer großen Gesellschaft fördern? Ich rief mir die wichtigsten Regeln der Gahro-hevtee in Erinnerung und auch die Grundsätze von Atrus konnten mir vielleicht weiterhelfen.
Energie treibt zukünftige Bewegung an.
Natur fördert gegenseitige Abhängigkeit.
Dynamische Kräfte erzeugen Veränderungen.
Ausgewogene Systeme stimulieren Zivilisationen.
Vor allem der letzte Grundsatz konnte wichtig werden. Ich setzte mich also an meinen Schreibtisch und begann mit einigen Entwürfen. Ich wollte versuchen alle Grundsätze in einer Welt zur Geltung zu bringen, um auf diese Weise die Verbindung zu der idealen Welt herzustellen. Für die Arbeiten an dem Zeitalter Genovai brauchte ich über ein Jahr, wobei ich immer wieder Pausen machen musste, um nicht vor Erschöpfung umzufallen. Dann endlich konnte ich auf ein stabiles, ungestörtes Bild der Welt schauen und verband mich mit der Welt.
Mein erster Blick von der neuen Welt war zufriedenstellend. Ich stand auf einer kleinen Anhöhe, am Rande eines schönen Waldes und blickte auf ein weites Land mit grünen Wiesen, vielen Wäldern, kleinen Flüssen und Bächen und gebirgige Abschnitte im Norden. Die Temperatur war angenehm und es wehte ein leichter Wind. Ich holte mein Fernrohr heraus und schaute mir die weiter entfernten Bereiche einmal genauer an. In einer Entfernung von etwa drei Tagesreisen entdeckte ich Anzeichen einer menschlichen Ansiedlung und lächelte zufrieden. Die Tatsache, dass es hier überhaupt Menschen gab, war schon sehr zufriedenstellend. Ich entdeckte Weizen- und Gerstefelder und Beete auf denen wohl Gemüse und Ost angebaut wurden. Nicht weit davon stieg Rauch von den Schornsteinen der Häuser auf. Ich beschloss erst einmal den Weg zu diesem Dorf einzuschlagen und dort in Erfahrung zu bringen, ob es hier noch mehr Menschen gab, wo sie lebten und wie weit sie technisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich fortgeschritten waren. Frohen Mutes machte ich mich auf den Weg und schaute mich dabei gründlich nach interessanten und auffälligen Dingen um.
Meine Einschätzungen die Länge der Reise betreffend, musste ich bald korrigieren. Die Entfernung war doch größer, so dass ich nun schon fünf Tage unterwegs war. Zum Glück hatte ich genug Vorräte und musste auch keine Gefahren befürchten. Ich fühlte mich wunderbar wohl und geborgen. Die Luft war frisch und klar; das Wasser der Bäche war köstlich kühl und wohlschmeckend; die Landschaft war von atemberaubender Schönheit und die Pflanzen und Tiere waren äußerst faszinierend und interessant. Die Wesen waren alle von unbekannter Art und hatten nur gelegentlich Ähnlichkeit mit Wesen von der Erde. Ein kleines pelziges Wesen mit langer Nase und spitzen Ohren hatte ich Kopabo getauft und ich hatte auch viele andere Wesen gesehen, welchen ich Namen gegeben hatte und gezeichnet hatte. Am Morgen des nächsten Tages kam ich am Rande des Dorfes an und betrat es einfach. Die Menschen, welche durch das Dorf liefen schauten mich völlig erstaunt an und blieben stehen. Irgendwann blieb ich stehen und sprach den nächsten Bewohner an. Er war ein junger Mann mit unbändigem braunem Haar und leuchtend grünen Augen. „Wie nennt man dieses Dorf, junger Mann?“, fragte ich. Er sah mich etwas verwirrt an und antwortete dann in meiner Sprache, aber mit einem starken Akzent. „Es heißt Bohan, Herrin. Darf ich mir die Frage erlauben, wer Ihr seid?“ „Mein Name ist Hitana und ich komme aus einem Dorf weit weg von hier. Ich wollte mehr von der Welt sehen und bin daher losgezogen.“ „Und Ihr seid ganz alleine unterwegs?“, fragte er ungläubig. „Aber natürlich, oder seht Ihr vielleicht einen Begleiter. In meinem Dorf ist es den Frauen erlaubt, alleine loszuziehen.“ Er sah mich misstrauisch an, stellte aber keine weiteren Fragen. „Wenn Ihr zu unserem Lehnsherrn wollt, müsst Ihr in dieses Haus dort gehen.“ Er zeigte auf ein großes Holzhaus und wandte sich dann schnell ab. Ich ging zu dem großen Haus hin und klopfte vorsichtig an. Ein Bediensteter in einfacher Kleidung öffnete mir und sah mich überrascht an. „Ich möchte gerne mit dem Lehnsherrn sprechen.“, sagte ich höflich und wurde nach kurzem Zögern auch eingelassen.

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Zuletzt geändert von Hitana am 16.06.2006 - 14:33, insgesamt 1-mal geändert.

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BeitragVerfasst: 20.08.2005 - 11:32 
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Ich stand in einem einfach eingerichtetem Raum und sah mich einem etwas besser gekleideten gedrungenem, kräftigem Mann mit grob geschnitzten Gesichtszügen gegenüber. Er sah mich erstaunt an und musterte mich von oben bis unten. Meine Kleidung und die Dinge, welche ich bei mir trug, mussten auf ihn sehr seltsam wirken. Dann fasste er sich und fragte: „Was wünscht Ihr?“ „Seid gegrüßt, Lehnsherr. Ich bin Hitana und komme von weit her. Ich möchte mehr von der Welt sehen und bin nun in Eurem Dorf angelangt. Ich hätte einige Fragen an Euch.“ „Erlaubt mir Euch zuerst einige Fragen zu stellen. Ihr seid offensichtlich alleine unterwegs. Wieso habt Ihr keinen Begleiter?“ „In meinem Dorf ist es den Frauen erlaubt alleine auf Reisen zu gehen. Außerdem habe ich gelernt mich zu verteidigen.“ Er sah mich misstrauisch an, gab sich aber mit der Antwort zufrieden und fragte: „Was wollt Ihr von mir wissen?“ „Welche Nahrung baut Ihr hier an?“ „Warum wollt Ihr das wissen? Seid Ihr etwa eine Spionin?“ „Nein, ich möchte dies alles nur aus eigenem Interesse erfahren.“ „Wir bauen Weizen und Gerste an. Auf unseren Beeten wachsen Gonku, Monpa und Selan. Wir haben auch Früchte wie Dekles und Fermat.“ Damit konnte ich nicht wirklich etwas anfangen. Ich musste mir das Ganze später einmal genauer ansehen. „Darf ich mir die Felder einmal ansehen?“ „Natürlich, könnt Ihr das.“ „Habt Ihr hier auch handwerkliche Betriebe?“ „Nein, wir beziehen unsere Werkzeuge und Gebrauchgegenstände von den Krämern, die hier öfters vorbeikommen.“ „Wie viel werfen Eure Felder im Jahr ab?“ „Wir haben genug um uns gut zu versorgen und können außerdem ohne Schwierigkeiten unsere Steuern an den König und die Priester zahlen.“ Ich nickte. Mehr konnte ich jetzt nicht fragen, sonst hätte ich mich nur in Schwierigkeiten gebracht. Ich bedankte mich höflich, verließ das Haus und machte mich auf den Weg zu den Feldern. Ich hatte innerhalb weniger Minuten vieles über die Gesellschaft und Landwirtschaft erfahren. Es gab einen König, Priester, Lehnsherren, Bedienstete, Bauern, Kaufleute und Handwerker. Ich befand mich eindeutig in einer Feudalgesellschaft, wusste aber noch nicht wie weit sie fortgeschritten waren. Ich war bei den Feldern angekommen und untersuchte die Früchte auf den Beeten genauer. Einige Bauern pflügten die Beete und beachteten mich kaum. Ich schaute mir die Früchte genauer an und stellte fest, dass sie kaum etwas ähnelten, was ich schon einmal gesehen hatte. Die Früchte hatten seltsame Formen, sahen aber recht ansprechend und schmackhaft aus. Irgendwann würde ich sicherlich welche kosten können, aber jetzt hielt ich mich zurück. Die Weizen- und Gerstefelder standen in vollem Korn und wurden sicher bald abgeerntet. Ich hatte fürs Erste genug gesehen und machte mich wieder auf den Weg und suchte nach dem nächsten Dorf.
Zwei Wochen lang lief ich durch die Welt und traf immer wieder auf kleinere und größere Dörfer. Inzwischen schien sich meine Anwesenheit ein wenig herumgesprochen zu haben, da die Leute nicht mehr ganz so erstaunt waren und ich einige schon über mich tuscheln sah. Ich war jetzt Hitana, die geheimnisvolle Wanderin mit der unweiblichen Kleidung.
Die meisten Dörfer lebten von der Landwirtschaft, aber einige erzeugten auch Gebrauchsgegenstände und Werkzeuge. Ich fand sogar Dörfer, die von der Viehzucht lebten, aber ihre Tiere waren von seltsamer Gestalt und hatten mit nichts Ähnlichkeit, was ich bisher gesehen hatte. Ein Tier, dass wie ein zu groß geratenes, braunes Schwein aussah und von den Bauern Gorbon genannt wurde, gab Milch und aus dem Fell konnte man Leder gerben. Ich war sogar schon in einigen Gasthäusern zu Gast gewesen und hatte die Speisen und Getränke hier gekostet. Es hatte alles ungewöhnlich aber lecker geschmeckt und inzwischen begegnete man mir auch mit etwas verhaltener Freundlichkeit und Interesse. Ich fühlte mich nicht wohl dabei ständig lügen zu müssen, aber es ging leider nicht anders. Ich konnte froh sein, dass niemand mich gefragt hatte, wie das Dorf hieß, aus dem ich kam.
Nach einer Woche Fußmarsch kam ich endlich in die erste kleine Stadt.

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BeitragVerfasst: 27.08.2005 - 10:42 
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In dem Randgebiet der Stadt befanden sich noch weitere Weizen- und Gerstefelder und Beete. Außerdem wurden Pflanzen mit einer seltsamen wuscheligen Spitze angebaut und gleich neben diesem Feld stand ein Haus, vor dem einige Frauen die wuscheligen Spitzen der Pflanzen zu einem einfachen, groben Stoff webten. An anderer Stelle bediente man sich anderer Methoden. Hier standen einige seltsam aussehende Tiere auf einer Weide. Sie sahen aus wie zu groß geratene Schweine, hatten aber eine braune, ledrige Haut und einen wolligen Haarberg auf dem Rücken, der an die Wolle von Schafen erinnerte. Sie wurden geschoren und in dem Betrieb nebenan wurde die Wolle zu einem edlen, weichen Stoff gewoben. Ich fragte mich was den Unterschied zwischen den verschiedenen Methoden ausmachte. Vermutlich hatte der Rohstoff unterschiedlich gute Qualität und wurde auf unterschiedliche Art und Weise gewoben.
Viele Menschen waren auf dem Weg in die Stadt oder aus ihr heraus, aber selbst in diesem Gedrängel fiel ich auf und die Leute drehten sich verwundert nach mir um und starrten mich unverhohlen an. Ich hatte mich schon so sehr daran gewöhnt, dass es mir kaum noch etwas ausmachte. Schnell fand ich heraus, warum so viele Menschen in der Stadt waren: Es war Markttag. Nun würde ich noch viel mehr interessante Dinge erfahren und ich war schon sehr gespannt. Ich mischte mich unters Volk und begann die Straße mit den nebeneinander aufgereihten Tischen abzuschreiten. Über allem schwebte der Duft von köstlichen Speisen, die ich noch nie gegessen hatte. Es gab Stände mit handwerklichen Arbeiten, wie kunstvolle Arbeiten des Schmieds oder Gebrauchsgegenständen, wie Töpfen, Krügen und Messern oder solche, die Stoffe verkauften und sogar welche für Kinderspielzeug, dass aus beweglichen Holzfiguren, Puppen und Lederbällen bestand. Die Händler wurden nicht nur von den einfachen und besser verdienenden Bürgern besucht, sondern auch von anderen Händlern, die zum Beispiel die wertvolle Wolle von den schweineartigen Tieren mit dem wollenen Haarberg, kauften, um sie in ihren Städten an die Weber weiterzuverkaufen. Es wurde mit Silbertalern, Naturalien und Gebrauchsgegenständen bezahlt. Alles was ich sah, war teilweise etwas ungewöhnlich, aber nicht außergewöhnlich und ich begann mich zu fragen , ob diese Gesellschaft überhaupt größere Errungenschaften hatte oder auf dem Stand der feudalen Gesellschaft stehen geblieben war. Aber ich war ja noch in der ersten Stadt und wusste noch nicht, was mich in größeren Städten erwarten würde.
Meine Aufmerksamkeit wurde von einem seltsamen Gebäude zu meiner rechten in Anspruch genommen. Ich drehte mich zu ihm hin und nahm es genauer in Augenschein. Es war ein stufenpyramidenförmiger Bau in dessen Mitte sich ein fünf Meter hoher Turm befand, an dem eine schmale Treppe hoch führte. Ganz oben befand sich eine überdachte Plattform, auf der ein großes Feuer brannte, dass sich einige Meilen weit zu sehen war. Im Gegensatz zu den Häusern der Stadtbewohner, welche im Handwerksstil gebaut waren, sah dieses Gebäude archaisch aus, als würde es auf einem anderen Zeitalter sein. Es hatte auch einen kleinen Eingang, auf den ich jetzt zuging. Von außen konnte man keinen Blick in den Raum innen erhaschen, weshalb ich das Gebäude vorsichtig betrat. Der Raum war kreisrund und von unzähligen Kerzen, dämmerig erhellt, welche auf Steinpodesten standen, die aus der Wand geschlagen worden waren. In der Mitte des etwa zehn mal zehn Meter großen Raumes stand auf einem ein Meter dreißig hohen Sockel eine Statue aus einem wunderschönen, mir völlig unbekannten Material. Es war eine Männerfigur aus einer Art Stein, der in allen Farben schimmerte, welche ein Gewand mit unzähligen Falten trug und lockiges Haar hatte. Als ich das Gesicht erblickte, wich ich vor Schreck einen Schritt zurück. Die Statue schien mich mit ihren zornig glühenden Augen aus feuerroten Steinen anzustarren. Von der gesamten Statue schien eine Macht und Energie auszugehen, die jeden zum Fürchten bringen konnte. Nach meinem ersten Schrecken beruhigte ich mich wieder. Vermutlich war dies eine Götterstatue, die hier angebet wurde, daraus folgte das ich mich in einem Tempel befand. Plötzlich hörte ich aus einem dunklen Bereich in dem Raum ein schleifendes Geräusch und dann Schritte, die sich mir zu nähern schienen. Irgendwo in der Dunkelheit vor mir blieb die Person stehen und ich konnte erst feststellen, wo sie sich ungefähr befand als sie anfing zu sprechen. „Ihr wandelt in seltsamer Gestalt und mit unbekannten Gegenständen umher. Wer seid Ihr?“ Die Stimme gehörte einem Mann und hörte sich ziemlich düster und grollend an. „Ich bin Hitana, eine Reisende aus einem weit entfernten Dorf, indem es den Frauen erlaubt ist, sich wie Männer zu kleiden.“ „Ihr lügt!“, grollte die Stimme zornig. „Ich werde Euch lehren, was es heißt im Hause Grendan mit falscher Zunge zu reden!“ Plötzlich war er genau hinter mir, ergriff mich mit einem schraubstockartigen Griff an der Schulter und wirbelte mich herum. Noch einmal wich ich erschrocken zurück, denn der Mann der vor mir stand, ähnelte der Statue unglaublich. Er trug dasselbe faltige Gewand, hatte dieselben glühenden Augen, hatte aber statt lockigem Haar eine Glatze. Außerdem trug er eine Kette, auf deren Medaillon ein glühendes Auge zu sehen war.
Er ergriff mit seinen Händen meine Arme, legte seine Hände mit demselben harten Griff um meine Handgelenke und sagte: „Sagt sofort die Wahrheit!“ Ich biss die Zähne zusammen, um ihm nicht zu zeigen, wie sehr er mir wehtat und rang mühsam darum etwas zu sagen. „Ich werde Euch die Wahrheit erzählen, wenn Ihr mich loslasst!“, sagte ich gequält. Schlagartig ließ er los und ich rieb mir meine Hände. Er hätte mir wahrscheinlich die Handgelenke gebrochen, wenn ich nicht eingelenkt hätte! „Ich komme aus einer anderen Welt. Ich bin hierher gekommen nachdem ich durch eine machtvolle Kunstfertigkeit eine Verbindung zu dieser Welt hergestellt habe. Dies habe ich getan, indem ich beschreibende Worte in ein Buch geschrieben habe und dadurch die Verbindung zu dieser Welt erlangt habe. Hier habe ich ein Buch, mit dem ich zu meiner Welt zurückkehren kann.“ Ich zeigte ihm mein Verbindungsbuch. „Hier auf dem Fenster könnt Ihr meine Welt sehen. Berühre ich das Fenster, so werde ich zu meiner Welt verbunden.“ Er sah mich lange an und ich fragte mich, ob er mir das glaubte oder wieder eine Lüge vermutete. „Ich denke Ihr sagt die Wahrheit, Hitana. Nur, wie wusstet Ihr, welche Worte Ihr benutzen müsst, um zu dieser Welt gelangen?“ „Ich wusste es nicht. Was ich schreibe, entspringt meiner Phantasie und die große Macht, welche hinter allem steht, sucht eine Welt in den Weiten des Universums, welche ähnlich der Welt ist, die ich beschrieben habe. Viele Dinge, welche ich hier gesehen habe, kommen in meiner Beschreibung gar nicht vor. Ich beschreibe im Prinzip nur einen Kleinstteil des Ganzen und der Rest ergibt sich von selbst. Würde ich zu detailliert beschreiben, würde ich damit die Stabilität der Verbindung und damit auch die Welt selbst gefährden.“ „Ich verstehe. Nun es tut mir leid, dass ich Euch zuerst so hart behandelt habe, aber bei uns gilt es als besonders schwere Sünde im Hause unseres Gottes Grendan zu lügen.“ „Wenn es Euch nichts ausmacht würde ich gerne mehr über Eure Religion erfahren.“ „Sicher, kommt mit mir. Aber bleibt dicht hinter mir. Ich folgte ihm auf dem Fuß zu der dem Eingang gegenüberliegenden Wand, wovor er stehen blieb und ein seltsames Wort sagte. Dann hörte man ein schleifendes Geräusch und plötzlich schob sich ein Teil der Wand beiseite und gab den Weg zu einem schmalen Tunnel durch. Er führte zu einem kleinen, schlicht eingerichteten Raum, mit einem unbequemen Bett, zwei Schemeln und einem Tisch, einem Bücherregal, einer Holztruhe und einem kleinen Schrein indem eine Miniaturfigur von Grendan stand, vor der wohlriechende Kräuter verbrannten und einige Trank- und Essopfer standen. Wir setzten uns auf die Schemel, der Priester holte zwei Becher und zwei Flaschen aus der Truhe und schenkte aus den Flaschen Wein und Wasser ein, welche er vermischte. Nachdem er einige Tropfen an Grendan geopfert hatte, begann er zu trinken. Ich roch an dem Wein und nippte vorsichtig daran. Trotz des Wassers war er immer noch würzig und stark und ich fragte mich wo er herkam, da ich bisher noch keine Weinfelder gesehen hatte. Dann begann der Priester zu reden und ich hörte ihm interessiert zu. „Grendan ist unser Hauptgott. Er wird überall im Land von den Leuten verehrt und Priester, wie ich dienen ihm an erster Stelle. Grendan ist ein sehr machtvoller und zorniger Gott, der die Menschen hasst, weil sie so verdorben geworden sind. Vor vielen hundert Jahren, brachten die Menschen ihm kaum noch Verehrung entgegen, weil er trotz ihrer vielen Laster nichts tat, um sie zu strafen. Doch dann brach eine große Katastrophe in Form eines verheerenden Feuers herein und vernichtete vieles. Danach wurden die Menschen wieder gottesfürchtig. Sie tun alles, um Grendan ruhig zu stimmen. Sie opfern ihm so viel wie sie können und leben so tugendhaft wie sie können. Falls sie doch eine Sünde begehen, so bestrafen sie sich selbst, indem sie sich geißeln, hungern oder von allen Versuchungen abwenden. So geht es nun schon seit der Katastrophe und seitdem leben wir in Frieden und Achtung vor unserem Gotte.“ „Welche Sünden, regen Grendan auf?“ „Er mag es nicht, wenn man lügt, faul ist, zuviel isst, Ehebruch begeht, jemanden grundlos ermordet oder sich unzüchtig benimmt.“ „Warum sehen die Tempel so antik aus?“ „In den Offenbarungen, die über unseren ersten, großen König kamen, zeigte sich Grendan ihm der Gestalt, die heute überall verwendet wird. Er sagte ihm, wie seine Gesetze aussehen und wie sein zu Hause aussehen soll. Daraufhin ließ der König einen Tempel nach der heute üblichen Form bauen und Grendan war zufrieden. In unserer Hauptstadt Vokandara befindet sich der größte Grendantempel des Landes und jeder sollte einmal im Leben dorthin gehen. Dort findet einmal im Jahr eine große Zeremonie zu Seinen Ehren statt und viele Menschen kommen von weither, nur um sie zu sehen. Es ist wahrlich ein großartiges Erlebnis!“ Ich nickte und ließ mir das eben gehörte noch einmal durch den Kopf gehen. Dies war eine ziemlich strenge, aber unkomplizierte Form der Religion und interessant allemal. Ich bedankte mich bei dem Priester und verließ den Tempel wieder. Nachdem ich nun von der Hauptstadt wusste, wollte ich mich auch auf den Weg dorthin machen.

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BeitragVerfasst: 02.09.2005 - 14:54 
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Es dauerte mehrere Wochen bis ich die Hauptstadt erreicht hatte. Auf meinem Weg sah ich viele interessante Dinge und lernte einige Menschen auch näher kennen. Die Skepsis mir gegenüber war einer gewissen Neugier gewichen und so kam ich mit vielen Leuten ins Gespräch. Die Menschen dieser Welt waren freundlich, fleißig und gottesfürchtig, aber besonders erfinderisch waren sie nicht. In dieser feudalen Gesellschaft gab es nichts technisch hochentwickeltes, innovatives. Ich bedauerte dies ein wenig, aber andererseits war ich froh, eine Verbindung zu einer Welt hergestellt haben zu können in der das Leben nicht ganz so schwer war und die Gesellschaft fortgeschrittener war, als in allen anderen Welten zu denen ich Verbindung hatte.
Endlich sah ich am Morgen die ersten Ausläufer der Hauptstadt. Die eigentliche Stadt war noch über zwei Kilometer entfernt und hier in den äußersten Randgebieten gab es hauptsächlich Gehöfte, Felder, Mühlen, Handwerksbetriebe und Bauernhäuser. Nachdem ich dieses Gebiet durchstreift hatte, kam ich vor den Mauern von Vokandara an. Die Stadt wirkte von außen wie eine Bastion. Die Mauern waren dick und ragten 6 Meter in die Höhe. Etwa alle 100 Meter war ein Wachturm eingesetzt und auf dem schmalen Gang oben auf der Mauer patrouillierten mehrere Soldaten. Ein schweres eisenbeschlagenes Eichentor konnte, wenn nötig jederzeit hochgezogen werden; im Moment war es aber offen. Um die Stadt herum lief ein bewässerter Graben, sodass niemand die Stadt betreten konnte, wenn er es nicht sollte. Hier war die Hektik noch größer, es gab mehr Geschäftigkeit, mehr Häuser auf engem Raum und mehr Dreck. Hinter dem Tor fragte ein schwer bewaffneter Soldat jeden aus. Ich schritt durch das Portal und blieb ruhig stehen, als sich der Wachposten vor mir aufbaute. Er sah mich mit zusammengekniffenen Augen an und knurrte: „Name?“ „Hitana, die Wanderin aus der Ferne.“, antwortete ich. Sobald ich mich auf diese Weise vorgestellt hatte, schien jeder zu wissen, wer ich war. Bei dem Posten war es nicht anders. Er sah mich mit großen Augen an und sagte: „Ich habe von Euch gehört. Ich vermute der König wird Euch sehen wollen. Jemand sollte Euch zu ihm bringen.“ Er rief nach einem anderen Soldaten, der in einer Ecke saß und sein Schwert polierte und redete kurz mit ihm. Der Soldat verbeugte sich kurz vor mir und sagte: „Folgt mir Herrin Hitana, ich werde Euch zu unserem König führen.“ Ich folgte ihm durch die Straßen der Stadt und schaute mich dabei um. Es gab eine große Hauptstraße, die direkt zum Königsschloss führte und viele kleine Straßen, von denen einige finster waren und aus denen der Gestank hervorwehte. Überall war Dreck und die Häuser standen selbst in der Gegend der Gutverdienenden sehr dicht beieinander. Es waren so viele Menschen unterwegs, dass wir trotz dem bestimmenden Gehabe des Soldaten schwer vorankamen. Auch hier wurde ich von den Menschen unverhohlen angestarrt.
Nach einer Weile tauchte vor uns ein riesiges Gebäude auf, dass stufenförmig angelegt war und aus deren Mitte ein Turm ragte, der direkt in den Himmel zu führen schien. Schon von weitem erkannte ich, dass dies der große Grendantempel der Hauptstadt sein musste. Ein riesiges Portal bot Durchgang für viele Menschen und an beiden Seiten des Portals standen zwei Statuen des Grendan, welche jeden zornig anzustarren schienen und jeden daran erinnerten, dass Grendan stets alles vernichten konnte. Das Innere konnte ich mir im Moment nicht ansehen, da wir stetig weitergingen. Das Königsschloss befand sich wohl direkt dahinter. Als wir um den Tempel herumgegangen waren, der seinen Schatten über alles warf, sahen wir nicht weit dahinter die Mauern des Königsschlosses. Das Schloss lag im äußersten Norden der Stadt und schloss an der Rückseite direkt an die Stadtmauer an. Der königliche Bereich war von einer weiteren Mauer umgeben, auf der ebenfalls viele Soldaten patrouillierten. Es schien als würde der König Gefahr von seiner eigenen Bevölkerung zu befürchten. Auch hier war das Tor wieder riesig und undurchdringlich. Der Soldat trat an das Tor und klopfte vernehmlich. Im Tor öffnete sich eine kleiner Schlitz, durch die ein Wachposten schaute. Der Soldat sagte ihm, dass er einen Gast zum König bringen sollte. Der Wachposten öffnete eine kleine Tür in dem großen Tor und ließ uns hinein. Im Schlosshof blieb ich kurz stehen und sah mich mit großen Augen um. Der Hof war riesig und absolut sauber und das Schloss, welches vor mir aufragte war fast so groß wie der Grendantempel. Es war nicht besonders schön und sah dem Tempel irgendwie ein wenig ähnlich. Langsam fühlte ich mich ein wenig unwohl. Irgendetwas stimmte hier nicht.

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Der Soldat führte mich durch eine Tür in den großen Saal, ließ mich dort stehen und suchte nach dem Hofmeister, um ihm Bescheid zu sagen, dass Besuch für den König da war. Währenddessen hatte ich Zeit mich genauer umzusehen. Der Saal war reich eingerichtet. Wertvolle Teppiche lagen auf dem Boden, kunstvolle Wandbehänge und Bilder schmückten die Wände und exzellent gehauene Statuen standen in einer langen Reihe nebeneinander.
Der Soldat kam zurück und führte den Hofmeister mit sich. Dieser war ein Mann, der edle Gewänder trug und stets hochmütig dreinblickte. Der Soldat verabschiedete sich und der Hofmeister führte mich weiter zu dem Audienzraum des Königs. Sämtliche Flure, durch die wir kamen, waren reich geschmückt und gut gepflegt. Die Tür zum Audienzraum war reich verziert und an manchen Stellen mit Gold beschlagen. Der Hofmeister klopfte und wartete bis ein Diener uns öffnete. Wir traten in den Audienzraum und liefen noch ein Stück bis wir drei Meter von einem mächtigen Thron entfernt waren. Der Audienzraum war von allen Räumen am prächtigsten ausgestattet. Überall schimmerte Gold, glitzerten Edelsteine, erstrahlte Silber. Mir kam diese Pracht aber schon sehr überladen vor und mein ungutes Gefühl verstärkte sich. Der Mann auf dem Thron war kaum zu erkennen, weil er ein wenig im Dunkeln saß. Die ganze Gestalt strahlte Macht aus und die Augen leuchteten seltsam stark. „Die Herrin Hitana ist in Vokandara angekommen. Sie wurde hierher geführt, wie Ihr es wünschtet, Eure Majestät.“, sagte der Hofmeister. „Wahrhaftig, endlich sehe ich Euch persönlich, Hitana. Ich hörte vieles von Euch und bin bestrebt noch vieles mehr von Euch zu erfahren.“ Die Stimme des Königs war düster und tief und ließ mich leicht erschauern. „Während Ihr unterwegs hierher wart, ließ mir der Priester, der Euch in Heferon begegnet ist eine Nachricht zukommen, in der er mir Euer Geheimnis anvertraute. Ich weiß also woher Ihr kommt und warum Ihr so seltsam ausseht. Ich konnte das, was ich las zuerst nicht glauben und habe daher sehr gespannt auf Euer Kommen gewartet. Ich wusste, dass Ihr hierher kommen würdet. Bitte zeigt mir das Buch, mit dem Ihr in Eure Welt gelangen könnt.“ Ich fügte mich seiner Bitte und gab dem Hofmeister das Buch, der es an den König weiterreichte. Er betrachtete das Fenster lange, schlug das Buch dann zu und ließ es an mich zurückgeben. „Es ist wirklich faszinierend. Nun, könnt Ihr mir sagen, wie Ihr dies zustandebringt?“ „Denkt Ihr daran, es lernen zu wollen?“, fragte ich statt auf seine Frage zu antworten. „Aber natürlich. Alleine der Gedanke sich Zugang zu anderen Welten zu verschaffen ist großartig.“ „Ich fürchte es ist nicht möglich, dass Ihr es lernt. Man braucht eine spezielle Tinte, die aus einem Sekret eines Insektes gewonnen wird, dass es hier nicht gibt. Die Schrift muss lange erlernt werden und es gibt viele Formeln und Gesetze, welche man beachten muss. Weisheit und gut überlegtes Schreiben allein sind der Schlüssel für eine gute Verbindung.“ „Soll das heißen, Ihr wollt es mich nicht lehren?“ „Ich will es nicht und darf es nicht. Meine Gilde verbietet es mir.“ „So sei es denn. Ihr könnt noch einige Tage hier bleiben, wenn Ihr wollt. Ich kenne eine freundliche und wohlhabende Kaufmannsfamilie, die Euch sicher mit Freuden bei sich aufnehmen wird. Ich danke Euch, dass Ihr hierher gekommen seid.“ Seine Stimme hatte trotz der freundlichen Schlussworte einen grollenden Ton angenommen. Ich war froh, dass er nicht weiter nachbohrte oder andere Fragen stellte, verbeugte mich und ließ mich dann zu der Familie bringen von der der König gesprochen hatte.
Die Familie Lopenga besaß ein großes schönes Haus und sie waren wirklich sehr reich. Als Günstlinge des Königs hatten sie sicher gute Karten. Ihre Freundlichkeit wirkte allerdings etwas zwanghaft, denn eigentlich standen sie mir sehr skeptisch gegenüber. Sie hielten mich wohl für eine Hexe oder etwas ähnliches, weil sie mir nie direkt in die Augen sehen wollten. Ihre kleine Tochter Ebola war jedoch sehr neugierig und aufgeweckt und ich mochte sie sofort. Als wir und zum Abendessen niedersetzten wollte sie mir Unmengen von Fragen stellen, aber ihre Mutter verbat es ihr. Das Haus wirkte irgendwie zu groß für eine so kleine Familie und irgendwie hatte ich das Gefühl als ob etwas oder jemand hier fehlte.
Am nächsten Tag lief ich durch die Straßen der Stadt und schaute mich genauer um. Wieder fiel mir der Schmutz und die Armut in einigen Gegenden auf. Ich ging zu dem großen Grendantempel und trat in den Innenraum. Es war eine riesige Halle, in deren Mitte eine fünf Meter hohe, bedrohliche Grendanstatue stand. Um sie herum lagen unzählige Speise-, Getränke- und materielle Opfer, wie Schmuck und Geld. Die Priester waren mit ständigen Anbetungsritualen beschäftigt. In einer Ecke entdeckte ich einen Mann, der gerade sein Hemd auszog und dann den Priester, der hinter ihm stand ein Zeichen gab. Der Priester hob den Arm, in dem er eine Gerte trug und schlug auf den Mann ein. Dieser krümmte sich vor Schmerzen und schrie laut auf. Er hatte gesündigt und ließ sich bestrafen. Das grausige Schauspiel war zuviel für mich. Ich ging schnell nach draußen, wo ich mich fühlte als ob ein unsichtbares Gewicht von meinen Schultern fiel. Ich ging zu meinen Gastgebern und spielte eine Weile mit Ebola. „Weißt du“, begann sie mit ihrer niedlichen Kinderstimme, „ich hatte mal einen Bruder.“ „Wo ist er jetzt, Ebola?“, fragte ich. „Er ist tot“, sagte einer harte Stimme hinter uns. Ich drehte mich um und sah Ebolas Mutter an der Tür stehen. Warum sprach sie mit so harter Stimme über den Tod ihres eigenen Sohnes? Ebola senkte den Kopf und sagte den Rest des Tages nichts mehr.
In der Nacht wurde ich plötzlich stark geschüttelt. Ich wachte auf und sah in die angstvollen Augen der kleinen Ebola. „Wir müssen ganz leise sein, damit meine Eltern uns nicht hören“, wisperte sie. „Was willst du hier?“ „Ich will dir die Wahrheit über meinen Bruder sagen.“ Ich sah sie verwundert an. Das Mädchen hatte wirklich Mut. „Mein Bruder ist vor drei Jahren fortgelaufen. In der Nacht bevor er fortging, hat er sich bei mir verabschiedet und gesagt er geht nach Tengoru.“ „Wo liegt es?“ „Das hab ich ihn auch gefragt und er sagte, dass es weit im Norden ist und sehr schwer zu finden ist. Meine Eltern halten ihn für einen Verräter und haben ihn daher für tot erklärt.“ „Ich danke dir, dass du gekommen bist, um mir das zu sagen, aber verrate mir noch eines: Hat dein Bruder gesagt, warum er weggeht?“ „Er sagte, er will sich nicht länger der Autorität eines Gottes beugen, den es gar nicht gibt. Er sagte in Tengoru leben Menschen wie er, die sich den Gesetzen nicht beugen wollen.“ Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Auf meiner ganzen Reise hatte ich keine jungen Leute im Alter von 16 bis 25 Jahren gesehen. Sie waren alle fortgegangen, weil sie nicht an Grendan glaubten!
Ich schloss die kleine Ebola zum Dank in die Arme und legte mich dann wieder hin.
Am nächsten Tag sagte ich der Familie Lopenga, dass ich gehen wollte und bat um einige Vorräte und etwas Geld. Da der Abgesandte des Königs der Familie befohlen hatte mir alle Wünsche zu erfüllen, beugten sie sich und gaben mir die Sachen. Ich verabschiedete mich von ihnen und zog wieder los. Auf dem Markt ergatterte ich für wenig Geld einen Klepper, der mir die lange Reise erleichtern sollte. Ich verließ die Stadt mit einem Gefühl der Erleichterung. Jetzt erst bemerkte ich, dass es hier keinen jungen Leute gab. Es hatte sich eine anarchistische Gruppe aus jungen Leuten gebildet, die in Tengoru ein neues Leben begonnen hatten. Und eben dieses Tengoru wollte ich jetzt aufsuchen.

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BeitragVerfasst: 09.09.2005 - 17:28 
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Wochenlang verlief mein Leben sehr gleichförmig. Ich ritt viele Meilen am Tag immer weiter nach Norden, aß und trank und schlief, wann ich musste und machte Notizen in mein Journal oder Zeichnungen von Ideen für neue Welten, wenn ich Zeit dazu hatte. Abends wenn ich mich in meinen Schlafsack kuschelte und die Augen schloss, hing ich noch lange vielen unterschiedlichen Gedanken nach, bis ich endlich einschlief. Mit der Zeit veränderte sich die Landschaft, wurde hügliger und bewaldeter und ich traf auf weniger Städte und Siedlungen. Wenn ich Menschen traf verhielt ich mich immer sehr unauffällig und ruhig. Manche waren freundlich zu mir und gaben mir Essen, andere schlossen ihre Türen, kaum das in ihr Dorf gekommen war. Überall sah ich nur sehr junge, mitteljährige oder alte Menschen und ich fragte mich wie viele Menschen in Tengolu lebten.
Die Landschaften waren wunderschön und ich genoss meine Reise sehr, trotz der Einsamkeit. Die Schönheit dieser Welt schien mich zu inspirieren, denn in dieser Zeit machte ich viele Zeichnungen von neuen Welten.
Ich war nun inzwischen schon vier Wochen unterwegs und fragte mich, wie weit ich noch gehen musste, um mein Ziel zu erreichen. Eines Tages war ich schon einige Tagen unterwegs und trieb meinen Klepper gerade einen stark ansteigenden Hügel hinauf. Als ich am Gipfel angekommen war, zog ich die Zügel vor Schreck so stark an, dass mein Klepper beinahe nach hinten abgerutscht wäre. Er hielt sich aber gerade noch und tänzelte nur etwas unruhig. Mit großen Augen starrte ich auf das, was vor mir lag. In einem riesigen Talkessel unter mir lag Tengolu, dass wusste ich sofort. Es war eine unglaublich große Stadt, die alles zu haben schien, was sie brauchte. Vorsichtig auf das steil ablaufende Gelände achtend, trieb ich meinen Klepper weiter, bis wir unten angekommen waren. Nicht weit von meinem Standpunkt entfernt, begann die Stadt, welche keine Befestigungen hatte und ziemlich chaotisch angelegt war. Langsam ritt ich weiter und trieb meinen Klepper ruhig an den ersten Häusern vorbei und in das Stadtinnere hinein. Alles war sauber und ordentlich, die Leute waren zufrieden mit ihrer Arbeit und überall sah man fröhliche Menschen, von denen einige schon kleine Kinder mit sich führten. Einige von ihnen waren schon so lange hier, dass sie die mittleren Jahre bereits erreicht hatten und selber schon Kinder im Jugendalter hatten. Alles war hell und fröhlich, nirgendwo lag der Schatten des Grendan über der Stadt. Bei einem beschaulichen Gasthaus hielt ich an, machte meinen Klepper fest und betrat das Haus. Alle im Raum versammelten Menschen wandten sich mir zu und starrten mich völlig erstaunt an. Ich schluckte und trat langsam an den Tresen, verfolgt von unzähligen Blicken. Der Wirt sah mich mit beinahe heraustretenden Augen an. Ich räusperte und sammelte mich und sagte dann mit so fester Stimme wie möglich: „Wo kann ich den Anführer des Volkes von Tengoru finden?“ Der Wirt runzelte die Stirn und sagte: „Tengoru wird von einem Rat geführt, nicht von einem einzelnen Mann. Der Rat hat seinen Sitz im Stadtinneren, in einem großen Steinhaus mit einem großen Schild daran auf dem dieses Zeichen steht.“ Er tippte sich auf seinen nackten Arm, wo ein Zeichen eintätowiert war, dass einen Dolch zeigte. Ich bedankte mich und verließ das Gasthaus wieder. Ich schwang mich auf meinen Klepper und ritt weiter bis zu dem großen Steinhaus, dass wirklich nicht zu verfehlen war. Ich betrat das Gebäude, in der Hoffnung mehr über Tengoru erfahren zu können.
Ich kam in einen großen, runden Saal mit wenig Ausstattung, außer einem großen, runden Tisch in der Mitte und einer halbrunde Tribüne auf der anderen Seite des Saals. Durch große Fenster in den Wänden fiel genügend Licht, um alles ausreichend zu beleuchten. Außerdem war auf dem Boden ein riesiges Mosaik mit dem Zeichen von Tengoru eingearbeitet. Offensichtlich konnten einige Leute aus der Bevölkerung an diversen Verhandlungen teilnehmen. An dem Tisch saß niemand, aber auf der anderen Seite gab es an einer Stelle eine kleine Tür, die sicher in weitere Räume und vielleicht zu dem Rat führte. Ich öffnete sie und ging durch einen kurzen Gang in ein Zimmer mit einem großen Bücherregal und einem Schreibtisch an dem ein Mann saß und schrieb. Als ich eintrat sah er auf und runzelte die Stirn. „Wer seid Ihr und was wollt Ihr hier?“ Er hatte eine klare, ernste Stimme und obwohl er höchstens dreißig Jahre alt sein konnte, hatte er bereits erste graue Haare und ein ernstes Gesicht. Er trug ein einfaches Gewand aus dunkelblauem Leinen und trug keine besonderen Zeichen eines Ratsangehörigen. Dennoch wirkte er durch sein Auftreten so. „Ich bin Hitana, eine Wanderin aus einer anderen Welt. Ich kam hierher nach dem ich mich über dieses Buch zu eurer Welt verbunden habe.“ Ich reichte ihm mein Verbindungsbuch und redete weiter. „Ich habe große Teile des Landes durchquert und viele Städter und Dörfer besucht. Ich erfuhr von dieser Stadt durch ein kleines Mädchen, dessen Bruder hierher gekommen ist. Nun interessiere ich mich für diese Stadt und seine Bewohner und möchte wissen, warum so viele Menschen im jugendlichen Alter hierher gekommen sind.“ Nachdem er das Buch angesehen hatte, sah er mich wieder an und hörte mir zu. Dann nickte er und sagte: „Ich bin etwas überrascht über das was mir gezeigt und gesagt habt, aber ich glaube es, weil ich gelernt habe, dass manchmal die unglaublichsten Dinge war sein können. Ich werde euch gerne erzählen, was hier geschehen ist. Vor vielen Generationen gab es einen klugen und hinterhältigen Mann, der Herrscher über ein ganzes Volk werden wollte. Er wusste, dass die Menschen dieser Welt sehr abergläubig waren und sich bereits selbst Gestalten vorgestellt hatten, die über die verschiedenen Dinge herrschten. Daraus zog der Mann seinen Profit, denn er behauptete er hätte Visionen von einem Gott gehabt, der ihm Regeln aufgegeben hatte und ihn zum alleinigen Herrscher dieser Welt ernannte. Die Menschen unterwarfen sich dem Gott und seinen Regeln, die sich der Mann nur ausgedacht hatte, um an die Macht zu kommen. Die harten Züchtigungsregeln führte er ein, damit Ordnung herrschte und niemand aufbegehrte.
Er übertrug seine Ideen und Regeln auf seinen Sohn und er übertrug sie auf den Nächsten. Gab es keinen Sohn, so wurde ein dem König nahestehender Mann gewählt. Der König beanspruchte Naturalien für seine Vorratskammer und Geld für seinen reichen Lebensstil. Während die Menschen glaubten, sie opferten ihrem Gott, um ihn ruhig zu stimmen, ließ der König die Gaben alle heimlich zu sich bringen und führte ein überschwängliches Leben, während die Menschen hungerten und unter der harten Herrschaft des Königs und Gottes litten, aber nie dagegen aufbegehrten.
Eines Tages entdeckte ein junger Mann, der die Hauptstadt Vokandara besuchte, wie großartig und reich der Palast des Königs war und wie schmutzig und arm dagegen die Stadt selbst, wusste er das hier eine grausige Herrschaft verübt wurde und begann dagegen aufzubegehren. Er überzeugte andere junge Männer und Frauen von der Wahrheit und sie schlossen sich zu der Gruppe an, die eines Tages Tengolu gründen würde. Sie versuchten gegen den König vorzugehen, indem sie versuchten auch ältere Menschen davon zu überzeugen, dass der König alles für sich selbst beanspruchte und Grendan nur erfunden war. Doch die Alten waren so sehr an diese Vorstellungen gebunden und gewöhnt, dass sie den Rebellen nicht glaubten und sie sogar in Gefahr brachten, als sie die Stadtwachen alarmierten, weil sich eine Rebellentruppe zusammengefunden hatte und gegen Grendan aufbegehrte. Die Rebellen mussten flüchten und wurden als Geächtete angesehen, doch da sie nur wenige waren, sah man sie nicht als ernsthafte Gefahr und verfolgte sie nicht. Die Rebellen fürchteten, dass man sie finden würde und suchten nach einem Ort, der nur schwer zu erreichen war und wo sie nicht die Ungerechtigkeit direkt miterleben mussten, weil dies ihre Wut auf den König schärfte und wandten sich daher nach Norden. Auf ihrem Weg, gewannen sie weitere junge Leute für ihre Sache und sahen ein, dass sie nur die Jungen überzeugen konnten und weiter versuchen sollten, diese für sich zu gewinnen. Nach langer Suche hatten sie dann auch diesen Talkessel gefunden und errichteten erst einmal einfache Hütten und begannen ihr neues Leben hier zu organisieren. So wurde Tengolu gegründet. In den nächsten Jahren machten sich mutige Mitglieder auf den Weg in die Städte und Dörfer und gewannen neue junge Leute für sich. Bald war es unter allen Jugendlichen bekannt, dass es eine weit entfernte Stadt namens Tengolu gab, in der das Leben um vieles besser und gerechter war. Bald mussten die Jungen nicht mehr dazu gebracht werden die Ungerechtigkeit zu sehen, sondern bemerkten sie selbst und zogen nach Tengolu. Ihre Eltern wussten, dass sie zu Rebellen geworden waren und verbannten sie aus ihren Herzen. Tengolu wuchs je mehr Leute hierher kamen und bald waren wir wirklich eine große Stadt, die gerecht regiert wurde und wo alle genug zu essen hatten, weil sie an keine nicht existierenden Götter spenden mussten. Wir haben uns zu einem eigenen Volk entwickelt, dass sich durch realistisches Denken und Erfindungsreichtum auszeichnet. Wir können von Glück sagen, dass der König uns nicht beachtet und keine Truppen hierher geschickt hat. Wir haben nicht die Macht und ihm entgegenzustellen, obwohl wir schon oft überlegt haben, ob wir ihm nicht entgegentreten sollen, um alle Menschen aus seiner Gewaltherrschaft zu befreien, aber wir wissen nicht, ob sie auf uns hören würden. Und so leben wir hier friedlich und gut versorgt und tun nichts gegen die Ungerechtigkeit.“ Aus seiner Stimme sprach Bitterkeit als er seinen letzten Satz gesagt hatte. Er wünschte sich wohl, dass sie einen radikaleren Weg einschlugen. Ich nickte traurig und nachdenklich. Ich hatte gewusst, dass hier einiges nicht stimmte und daher verwunderte mich seine Geschichte nicht. Auch ich fand es schade, dass sie es nicht geschafft hatten, alle Menschen von der Ungerechtigkeit im Land zu überzeugen; aber letztendlich war es die Entscheidung eines abergläubigen Volkes gewesen und in gewisser Weise waren sie selbst dafür verantwortlich. Dann hatte nur noch ein Mann zur richtigen Zeit zuschlagen müssen und ihnen dass aufzwingen müssen, was er sich ausgedacht hatte und sie waren ihm blind gefolgt. Führerlose Völker suchten einen Führer und manchmal fanden sie den Falschen. So etwas hatte es in der Geschichte der Erde schon oft gegeben und stets hatte nur Krieg eine Lösung geboten. Gab es vielleicht auch eine andere?

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BeitragVerfasst: 10.09.2005 - 11:35 
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„Ihr würdet lieber Krieg führen, habe ich Recht?“, fragte ich nach einer Weile. „Ich glaube, dass dies eine Lösung sein kann, aber ich sage nicht, dass es die einzige Lösung ist. Wisst Ihr vielleicht noch andere Lösungen?“ „Ich schlage Euch zwei Möglichkeiten vor. Die eine ist etwas riskant, die andere sehr einfach, aber nicht besonders freundlich für den Rest der Bevölkerung dieser Welt. Die erste sieht so aus: Ihr müsst versuchen die Menschen mit radikaleren Methoden von der Wahrheit zu überzeugen. Ihr müsst Tempel von Grendan schänden und Priester umbringen. Würde dies Grendan zornig machen, würde er etwas tun, um euch zu strafen. Da er aber nicht existiert, tut er auch nichts und die Leute beginnen seine Macht anzuzweifeln. Denkt sich die Regierung solche überzeugenden Dinge aus wie ein Feuer, dass angeblich von Grendan kommt, dann müssen diese Pläne vereitelt werden oder es muss klar werden, dass sie nicht von Grendan kommen, sondern von Regierungsleuten ausgeführt wurden. Es ist gefährlich, aber es könnte klappen. Menschen, die so fest in ihrem Glauben verwachsen sind können nur durch eine massive Erschütterung dieses Glaubens aufgeweckt werden. Die zweite Lösung ist, dass ich ein Buch schreibe, dass die Verbindung zu einer neuen Welt aufbaut, wo ihr hinziehen und leben könnt. Ihr würdet dann aber alles hier hinter euch lassen müssen und eure Aufgabe, die Menschen aus der Gewaltherrschaft zu befreien, aufgeben. Ich persönlich finde, dass dies ungerecht gegenüber den Menschen hier ist, weil sie dann weiterhin dieses schreckliche Leben führen müssen, während ihr ein neues, schönes, zufriedenes Leben beginnen werdet. Diese Lösung hat den alleinigen Zweck euch von einem Krieg abzuhalten, aber sonst ist sie feige und ungerecht. Daher möchte ich Euch bitten, die erste Lösung auszuprobieren und zu sehen, ob es funktioniert. Sollte es nicht funktionieren, kann ich immer noch die Verbindung zu einer anderen Welt herstellen.“ Er nickte nachdenklich und sagte: „Ihr habt Recht. Wir wären feige und gemein, unser eigentliches Volk im Stich zu lassen. Wir werden so bald wie möglich unsere besten Leute ausschicken, mit dem Auftrag Grendan und die Priesterschaft zu stürzen. Stürzen wir die Religion, so stürzen wir auch den König!“ Seine Augen glühten vor Freude und seine Stimme war von Stolz erfüllt. Nachdem er sich wieder etwas beruhigt hatte, sah er mich strahlend an und sagte: „Ich danke Euch, dass Ihr uns Mut und Kraft gegeben habt, Hitana. Von nun an sollt Ihr Gast in unserer Stadt sein. Meine Familie wird Euch mit Freuden aufnehmen. Ich heiße übrigens Naylor. Mein Haus ist nicht weit von hier; kommt ich bringe Euch hin.“ Mit einer auffordernden Geste erhob er sich und führte mich aus dem Ratshaus hinaus zu einem kleinen Holzhaus, dass nur ein paar Schritte vom Ratshaus entfernt war. Wir traten ein in einen gemütlich eingerichteten Wohnraum mit Kochstelle, in dem sich eine Frau und zwei kleine Kinder aufhielten. Naylor stellte mich seiner Familie vor. Die Frau war sein Eheweib und hieß Belkis, die Kinder waren zwei Mädchen mit Namen Femar und Gistu. Nachdem wir einen kurzen Plausch gehalten hatten, verabschiedete sich Naylor, weil er noch zu tun hatte und Belkis zeigte mir den Rest vom Haus. An den Wohnraum schloss ein kleines Schlafzimmer für die beiden Mädchen, eins für die Eltern und eine kleine Kammer für Gäste an. Alles war einfach, aber gemütlich eingerichtet und die Kammer würde mir vollkommen genügen. Den Rest des Tages sah ich Belkis bei der arbeit zu und ging ihr teilweise auch zur Hand oder spielte mit den beiden Mädchen, die ich schon jetzt ins Herz geschlossen hatte. Am Abend kam Naylor nach Hause und wir aßen gemeinsam. Das Essen war nicht anders als das, was ich schon von den Gasthäusern her kannte und schmeckte sehr gut. Wir unterhielten uns lange über meine Abenteuer und zum ersten Mal redete ich umfangreich über die „Kunst“ und alles was damit zusammenhing. Naylor und seine Familie waren sehr fasziniert über das ungewöhnliche Leben, dass ich führte und die Dinge, welche ich schon erlebt hatte. Mir schien als hätten sie verstanden, dass die „Kunst“ keine göttliche Macht war, die ich besaß, sondern wirklich eine Kunst Verbindungen herzustellen.
Naylor sagte, er würde morgen eine Ratssitzung einberufen, welche dann über den neuen Plan abstimmen würde. Er hoffte mit seiner hoffungsvollen, flammenden Rede die Gemüter zu bewegen und zu einer Abstimmung für den Plan zu stimmen. Auch ich war voller Hoffnung, dass sich die Dinge doch noch ändern würden und die Menschen endlich wieder ein schönes Leben führen konnten.
In dieser Nacht schlief ich nicht sehr gut. Ich war viel zu aufgeregt, weil ich es gewesen war, die Naylor auf diese Idee gebracht hatte und es meine Verantwortung war, wenn etwas schlechtes geschah. Am nächsten Tag schlug Naylor mir vor zu der Ratssitzung mitzukommen und ich war sehr froh darüber, weil ich das Ergebnis dann sehr schnell erfahren würde. Außerdem würde es interessant werden, dem Rat bei seinen Beratungen zuzusehen. Ich setzte mich also im Ratshaus auf die Tribüne zu den anderen geladenen Gästen und wartete gespannt auf das Auftreten des Rates und die Verhandlungen. Die anderen Gäste waren ebenso gespannt und tuschelten über das, was sie schon gehört hatten. Viel konnten sie aber noch nicht wissen, da das Thema erst heute morgen angebracht worden war. Ich wusste als Einzige worum es hier ging. Dann endlich betrat der Rat, bestehend aus sechs Männern, die alle in dunkelblaue Roben gehüllt waren, den Raum und setzte sich an den Tisch. Naylor stand auf und stellte sich so hin, dass Zuschauer und Rat ihn gleichermaßen sehen konnten. Dann begann er mit fester und lauter Stimme zu sprechen. „Hohe Kollegen des Rates, verehrte Gäste, ich habe den Rat heute zusammengerufen, weil ich euch einen Vorschlag unterbreiten möchte, den ich alleine einer jungen Dame namens Hitana zu verdanken habe, welche zu uns gekommen um uns zu helfen. Sie hatte die Idee, dass wir die Rebellion und den Kampf gegen die Gewaltherrschaft des Königs wieder aufnehmen sollen. Dies sollen wir nicht durch Krieg tun, da wir dafür nicht die Stärke haben und schlechte Menschen wären, sollten wir gegen unser eigentliches Volk kämpfen. Stattdessen sollen wir die Tempel des Grendan schänden und die Priester töten, denn dann werden die Leute sehen, dass uns der Zorn des Grendan nicht straft und dieser somit nicht existiert. Sämtliche Versuche der Regierungsbeamten Zerstörung zu bringen und zu sagen, dass dies ein Zeichen des Zorns von Grendan war, sollen wir vereiteln oder beweisen, dass sie von Menschen verursacht wurden. Nur auf diese Weise können wir die Menschen von den Unwahrheiten über Grendan überzeugen und sie dazu bringen sich selbst gegen die Gewaltherrschaft des Königs zu erheben. Und dann eines Tages wird der König gestürzt und ein gerechtes, gutes Land aufgebaut werden!“ Lautes Gemurmel erhob sich bei seinen Worten und viele schauten sich nach der Urheberin dieser Idee um. Bald hatten sie mich gefunden; die seltsam gekleidete Frau konnte als einzige in Frage kommen. Ein anderes Ratsmitglied nahm einen schweren Hammer auf, schlug damit auf eine kleine Platte und forderte die Menge zur Ruhe auf. Dann räusperte er sich und sagte: „Würdet Ihr so freundlich sein und uns diese Dame vorführen, Naylor?“ Naylor nickte und winkte mich zu sich hinunter. Mit einem mulmigen Gefühl ging ich hinunter, beobachtet von unzähligen Augen, begleitet von einem weiter anhaltenden Tuscheln. Ich stellte mich vor den Rat, verbeugte mich und sagte mit möglichst fester Stimme: „Ich bin Hitana, die Urheberin dieser Idee.“ „Naylor, würdet Ihr uns bitte die näheren Umstände über das Erscheinen von dieser Dame erklären?“ „Selbstverständlich, Jurgan. Hitana ist eine Weltenreisende, die aus einer anderen Welt hierher gekommen ist, um unsere Welt zu erforschen. Schon bald entdeckte sie die Ungerechtigkeit in dieser Welt und beschloss uns aufzusuchen, um uns kennenzulernen. Nachdem ich ihr alles erklärt hatte, was sich hier abgespielt hat, entschloss sie sich, uns zu helfen und nannte mir ihren Vorschlag, den ich heute euch vorbringe.“ „Sie ist also eine Fremde und Ihr vertraut ihr kaum, dass Ihr sie kennen gelernt habt. Woher wollt Ihr wissen, dass sie nicht lügt und in Wirklichkeit eine Feindin ist?“ Naylor sah mich an und streckte eine Hand aus. Ich nickte, nahm das Buch aus meiner Tasche und reichte es ihm. Naylor ging damit zu Jurgan und zeigte ihm das Fenster. Jurgans Augen wurden groß und als er wieder aufsah, stand ein erstaunter Blick auf seinem Gesicht. Er nickte und sagte: „Ich habe den Beweis gesehen, dass nicht nur Naylor, sondern auch Hitana die Wahrheit sagen. Dennoch ist diese Idee sehr schwierig umzusetzen. Ihr wart schon immer Feuer und Flamme für solche Dinge, Naylor, wir anderen aber glauben, dass es besser ist die Dinge so zu lassen, wie sie sind und nicht die Regierungsbeamten herauszufordern.“ Naylor sah ihn wütend an und sagte dann: „Ihr habt aufgegeben. Ihr habt unser eigentliches Volk aufgegeben und genießt Euer faules, bequemes Leben! Ihr seid nicht besser als sie. Ihr seid ebenso fest in euren Idealen verhaftet wie sie und lasst keine neuen Ideen und Möglichkeiten mehr zu! Erinnert Euch an den Geist der unsere Vorfahren einst bewegte! Erinnert Euch, dass sie versucht haben die Leute umzustimmen, aber nicht gesehen haben, wie sehr sie mit ihren Idealen verwurzelt waren. Leider hatten sie nicht schon damals so revolutionäre Geister wie Hitana, die wissen das man ein solches Volk nur durch radikale Maßnahmen von der Wahrheit und der Ungerechtigkeit überzeugen kann!“ Jurgan war schockiert, wie sehr Naylor ihn angriff, aber man sah auch die Schuldgefühle in seinem Gesicht. Er seufzte und sagte: „Der Rat sollte sich zur Geheimberatung zurückziehen.“ Ich ging zu Naylor, lobte ihn für seine flammende Rede und wünschte ihm viel Glück. Dann verließ der Rat den Saal und ließ die raunende, gespannte Menge zurück. Das Ergebnis würde auf sich warten lassen...

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