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 Betreff des Beitrags: Mystische Reisen -Thoras Geschichte
BeitragVerfasst: 24.10.2005 - 16:12 
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Die Kunstsonnen erhellten sich langsam und tauchten das imposante Monument in einen goldenen Schimmer. Nach kurzer Zeit suchten sich glitzernde Bahnen aus flüssigem Gold ihren Weg über den noch dunklen See und machten die zahlreichen Lichtinseln am Kai überflüssig. Mit der perfekten Simulation einer Morgendämmerung erwachte auch das Leben in der unterirdischen Stadt, die sich in mehrere zusammenhängende riesige Höhlen ausbreitete.

Händler öffneten ihre Geschäfte und stellten Körbe mit Waren vor die Tür. In den Fabriken der Unterstadt begann die Arbeit und auf den Plätzen, deren Böden mit prachtvollen Mosaiken kunstvoll ausgelegt waren, boten Markthändler frisches exotisches Obst, Gemüse und auch Blumen aus vielen Welten an. Die sauberen Straßen belebten sich mit immer mehr Menschen, die ihren täglichen Geschäften nachgingen. Viele grüßten einander freundlich oder standen in kleinen Grüppchen beieinander, um zu plaudern.

Thora genoss den Anblick und die entspannte Stimmung dieser vertrauten Szenen. Gewiss war ein Leben unter einem freien Himmel mit nichts aufzuwiegen, doch diese Stadt war mehr als eine einfache Anhäufung von fremdartigen Gesteinen…diese prächtige und außergewöhnliche Stadt war etwas ganz Besonderes und wie Phönix aus der Asche zu neuem Glanz und Leben erstanden.

Die Geschichtsschreibung von Ae´gura reichte bis in die fernste Vergangenheit zurück. Dem großen Beben vor langer Zeit waren jedoch nicht nur große Teile der Gebäude, sondern auch das mächtige und stolze Volk der D`ni bis auf wenige zum Opfer gefallen. Wie durch ein Wunder hatte die alte, ehrwürdige Bibliothek, die das gesamte Wissen und Kulturgut der D`ni beherbergte, das Beben fast unbeschädigt überstanden.

Die wenigen Überlebenden beschlossen, den mühsamen Wiederaufbau ihrer Stadt zu wagen, die kilometerweit unter der Oberfläche einer fremden Welt lag. Dieses Vorhaben zog sich über eine lange Zeit hin, doch die Erinnerung an ihre einstige Macht trieb die Reste dieses selbstbewussten Volkes immer wieder an, wenn sich Resignation ausbreiten wollte.

Als vor nicht allzu langer Zeit zwei Forscher von der Oberwelt, die schon seit Jahren in der dortigen Wüste lebten, um vulkanisches Gestein zu erforschen, den Weg in die erst halbwegs wieder aufgebaute Unterwelt fanden, wäre es fast zu einer Tragödie gekommen. Denn das neue, noch kleine Volk der D´ni, die nun schon seit Jahrhunderten mit großen Mühen ihrer Stadt zur einstigen Blüte verhelfen wollten, wünschten keinen Kontakt zu den Bewohnern der Oberwelt.

Nach langen Auseinandersetzungen und Verhandlungen gelang es den beiden Forschern jedoch, die D´ni davon zu überzeugen, dass sie die Hilfe von den Wissenschaftlern und Forschern der Oberwelt beim Aufbau ihrer prächtigen Stadt und ihres Imperiums nicht ausschlagen sollten. Doch es gab ein Problem…denn Öffentlichkeit und vor allem die Politiker der Oberwelt durften niemals erfahren, welch ein Schatz sich unter dem heißen, lebensfeindlichen Wüstensand verbarg. Dieses konnte unabsehbare Folgen nach sich ziehen, die nicht auszudenken waren.

Fortsetzung folgt...


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BeitragVerfasst: 30.10.2005 - 17:27 
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Die D`ni waren nicht nur stolz, sondern sie verstanden es auch sehr gut mit ihrer Macht umzugehen. Die beiden fremden Forscher wurden vor ihrer Rückkehr zur Oberwelt mit einem Hynoblock versehen. Auf alle Fragen, die auch nur entfernt etwas mit den grandiosen und geheimnisvollen Entdeckungen in der Wüste zu tun hatten, konnten sie somit nur belanglose Antworten geben. Es war ein einfaches, aber wirksames Mittel, die D´ni und ihre Stadt vor Verrat zu schützen.

Nach Absprache mit den D`ni setzten die Forscher nach ihrer Rückkehr zur Oberfläche alsbald einen wagemutigen Plan in die Tat um, zumal es sie so schnell wie nur irgend möglich in die phantastische Höhlenwelt zurückzog.

Sie gründeten mit der nötigen Vorsicht eine Geheimorganisation aus Forschern und wissenschaftlichen Größen unter dem Namen *Tiefe Sonne*, die sich offiziell mit den Auswirkungen der fortschreitenden planetenweiten Klimaveränderungen auf die Wüstengebiete beschäftigte. Aufgrund des Hypnoblocks war es ihnen jedoch nicht möglich, die neuen Mitglieder, die weltweit nach sehr strengen Vorgaben ausgesucht wurden, in die wahren Hintergründe der Organisation *Tiefe Sonne* einzuweihen.

Deshalb brachten sie diese mit einem fingierten Forschungsauftrag versehen in die Wüste und schickten sie in die Höhlenwelt, wo sie von den D`ni in Empfang genommen wurden. Ebenfalls mit einem Hynoblock versehen und total fasziniert von ihren Erlebnissen bei den D`ni, kehrten einige von ihnen zurück. Andere blieben gleich für immer in den Höhlen, richteten sich dort häuslich ein und lebten fortan nach den Gesetzen der D`ni. Das System funktionierte reibungslos und niemand von der Oberwelt, außer den ausgesuchten Wissenschaftlern der Geheimorganisation, ahnte, was sich unter dem Wüstenboden abspielte.

Thora lebte nun schon seit ihrer Kindheit in den Höhlen, wie so viele andere auch, deren Eltern sich dazu entschlossen hatten, der Oberwelt endgültig den Rücken zu kehren.

Ae`gura erblühte zu neuem Leben und inzwischen waren fast alle Gebäude in ihrer alten Pracht wieder aufgebaut oder restauriert worden. Zudem hatten die Forschergruppen beider Völker einen weiter entfernten, neuen riesigen Hohlraum geortet und begannen nun vorsichtig, einen Stollen dorthin zu treiben, um mit der Zeit den Lebensraum in den Höhlen zu erweitern.

Thora atmete tief die frische, kühle und absolut saubere Luft ein und sah sich mit leuchtenden Augen um. Sie liebte diese Stadt…hier atmete das Leben in einem besonderen Rhythmus. Obwohl sie vor kurzem in eine kleine, neu erworbene Welt umgesiedelt war, dessen Verbindungsbuch sie in dem Antiquariat in der Oberstadt erstanden hatte, zog Ae`gura sie immer wieder aufs Neue in den Bann. Wo immer und in welcher Welt sie sich auch aufhielten…zwischen dieser Stadt und ihren Forschern gab es eine unsichtbare Nabelschnur, die alles verband.

In ihrem neuen Domizil fand sie die nötige Ruhe, um ihre Forschungen auszuwerten. Die letzten fertig gestellten Berichte hatte sie eben in der Halle für Wissenschaft und Forschung abgegeben, von wo sie nun der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. Doch welche von ihren Forschungsergebnissen sie freigab, lag ganz in ihrem persönlichen Ermessen.

Seit ihrem letzten Besuch in der Bibliothek fühlte sie sich von Unrast erfüllt. Gab es in der Vergangenheit dieses so ruhmreichen Volkes etwas, was nicht für die Öffentlichkeit und vor allem nicht für die neue Foschergeneration bestimmt war? Jedenfalls war es ihr nicht möglich, ihre seltsame Entdeckung so einzuordnen, dass sie sich nahtlos in die vorhandene Geschichtsschreibung einfügte.

Fortsetzung folgt...


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BeitragVerfasst: 04.11.2005 - 19:07 
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Trotz ihrem Willen zur Kooperation und Zusammenarbeit lebte das neue Volk der D`ni immer noch ihr eigenes Leben, in welchem uralte Traditionen und Gesetze eine feste Größe besaßen. Zum Beispiel war es den Forschern und Wissenschaftlern, die sich freiwillig für ein Leben in Ae`gura und mit den D`ni entschieden hatten, nicht gestattet, die bedeutsame Kunst des Weltenschreibens zu erlernen. Dieses war ein Privileg einiger weniger D`ni, die der Gilde der Schreiber angehörten.

Nichtsdestotrotz versuchte Thora, sich Lehrmaterial über diese faszinierende Kunst zu beschaffen. Doch bisher konnte sie in dieser Sache noch keine großen Erfolge verbuchen, denn es war sehr schwer, in der öffentlichen Bibliothek entsprechende Lehrschriften zu finden, weil diese längst aussortiert und unter strengem Verschluss gehalten wurden. Trotzdem dachte sie nicht eine Sekunde daran, dieses Ziel aus den Augen zu verlieren.

Thora riss sich energisch von dem Anblick der Stadt los, deren fast magische Atmosphäre sie immer wieder in den Bann zog. Kurz entschlossen machte sie sich auf dem Weg nach Sharie, eine befreundete Forscherin, die auch auf anderen Gebieten beachtliche Erfolge vorweisen konnte. Mit Sharie hatte sie in der Vergangenheit einige gemeinsame Forschungsreisen unternommen und sie benötigte nun deren objektiven und Rat. Es gelang Sharie sehr gut, zunächst alles von einer ungewöhnliche Seite zu betrachten, um dadurch schon viele Ungereimtheiten zu entkräften, was wiederum zu überraschenden Resultaten und Erkenntnissen führte.

Sharie nannte das berühmteste Spezialitätenrestaurant in den Höhlen ihr Eigen. Nebenbei betrieb sie einen florierenden Handel mit exotischen Lebensmitteln aus vielen bekannten Welten. Sharie war darum auf ihren Forschungsreisen ständig auf der Suche nach unbekannten Spezialitäten und vor allem Gewürzen, um ihren Gästen stets neue Köstlichkeiten anbieten zu können.

Erst vor wenigen Tagen hatte Thora dort auf Sharies Empfehlung ein äußerst schmackhaftes Mittagessen eingenommen… Kolovi – Cremesuppe, danach mariniertes Jaradil – Steak mit gegrillten Melussa – Knollen und als Nachspeise Scholok – Mousse mit flambierten Bikronscheiben. Dazu den köstlichen Wein aus der blauen Juliva – Traube, die auf Dojeen unter den heißen Strahlen einer grüngelben Sonne hervorragend gedieh.

Die Speisekarte wechselte täglich, je nachdem, was gerade aus den Welten frisch geerntet eingetroffen war. Sharie selbst kreierte zudem laufend neue Rezeptideen mit teilweise noch unbekannten Zutaten, die nach gelungenem Zubereitungstest in die Speisekarte aufgenommen wurden und von ihren Gästen stets mit Beifall quittiert wurden.

Thora erklomm hohe Treppen, deren Stufen aus mattglänzendem cremefarbenem, von roten Adern durchzogenem Morangestein bestanden, welches sehr mühsam aus Kaulan beschafft wurde…einer uralten, unbewohnten, aber sehr rohstoffreichen Welt. Sie schlenderte über weite und geschwungene Brücken und bewunderte die kunstvollen Emporen an den Wohnhäusern. Hier…hoch über der Unterstadt hatte sie einen herrlichen Rundblick über den See und den strahlend erleuchteten Kerathbogen. Dieses monumentale Bauwerk dokumentierte wie kein anderes nachdrücklich die Herrschaft eines uralten Volkes und sie war nicht die einzige, die trotz der noch frühen Morgenstunde den imposanten Anblick genoss.


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BeitragVerfasst: 12.11.2005 - 14:41 
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Fortsetzung…


Sie wandte sich ab und eilte über den weiten Platz zwischen den Marktständen hindurch zu einem fast schon palastartigen Gebäude, dessen Fassade aus blaugrünem Robucagestein im weichen Morgenlicht geheimnisvoll glitzerte. Über dem Eingang, der von prunkvollen Säulen flankiert wurde, stand in einladender und leuchtender Schrift *Zum goldenen Kerathbogen*. Das Lokal schien bereits gut besucht zu sein, denn immer mehr Menschen betraten gutgelaunt das gastliche Haus.

„Hey, Thora, guten Morgen“! Eine Hand legte sich leicht auf ihre Schulter. Überrascht sah sie zur Seite und blickte in Mucols strahlendes Gesicht.

„Mucol…wie schön, dich mal wieder zu sehen…guten Morgen“! Thora ergriff lächelnd die hingestreckte Hand.

„Lange nicht mehr gesehen…Thora…wohin des Weges?“

„Ich habe meine Berichte mal wieder abgeliefert und nun wollte ich zu Sharie.“, entgegnete Thora. Sie fühlte sich von Mucols fröhlicher Stimmung sogleich eingenommen, so dass ihre melancholischen Gedanken für den Moment in den Hintergrund gedrängt wurden.

„Na, da haben wir ja eigentlich das gleiche Ziel…ich will im Kerath frühstücken.“ Er rieb sich voller Vorfreude die Hände. „Komm mit, Thora…du schaust aus, als ob du ein gutes Frühstück gebrauchen könntest.“

„Heute nicht, Mucol“, schüttelte Thora den Kopf. Sie zögerte…“ich glaube, ich bin heute ein schlechter Gesellschafter…“

Mucol musterte sie aufmerksam. „Dich beschäftigt doch irgendetwas“, knurrte er mißtaurisch. „Was ist dir begegnet? Komm, raus damit!“

Sie zögerte einen winzigen Moment…dann antwortete sie in fast heiterem Ton…. „Mucol, es wird Zeit, dass wir uns alle mal wieder treffen und über unsere neuesten Erlebnisse reden. Ist schon eine ganze Weile her, seit dem letzten Mal! Was meinst du?“

„Thora, Thora…du weichst aus! Und du machst mich neugierig! Aber du hast natürlich recht…wir sollten uns alle mal wieder treffen. Doch ist es im Moment recht schwierig, alle unter eine Adresse zu bekommen…“ Er trat einen Schritt zur Seite, um einer angeregt plaudernden Gruppe junger D`ni auszuweichen, die dem Eingang von Sharies Restaurant zustrebte.

Thora zeigte auf den lachenden Trupp…“Mucol…dein Frühstück…“ erinnerte sie scherzend…“am Ende bekommst du nichts mehr!“

„Hmm…ich sehe schon, Sharies Spezialitäten scheinen sich herumzusprechen! Doch keine Sorge, Thora…mein Frühstück ist reserviert, weil ich täglich um die gleiche Zeit komme…so schnell lässt sich ein Mucol nichts wegessen.“ Er sah dem fröhlichen Trupp nach und winkte lässig ab…ehe er mit nachdenklicher Mine fortfuhr…“Ich habe schon verstanden, du willst dein kleines Geheimnis noch etwas für dich behalten…habe ich Recht? Doch du weißt nun, wo ich zu finden bin.“

Er schlug sich leicht mit der Hand vor die Stirn und seine Augen begannen zu leuchten…“Das wichtigste hätte ich fast vergessen, Thora! Du wirst staunen…“ In der kleinen Kunstpause, die er nun einlegte, weidete er sich an Thoras gespannter Mine. „Also…ich werde in absehbarer Zeit in der Königshalle regelmäßige Vorträge und Vorlesungen über die alten Geschichtsbücher der D`ni halten. Ich denke, dass dich das interessieren wird…!

„Du…? Vorlesungen in der Königshalle? Mucol…das ist ja wirklich eine gute Nachricht…“ stimmte Thora begeistert zu. „Mit mir kannst du rechnen…und wann ist die erste Vorlesung?“

„Tja, der Termin steht allerdings noch nicht fest, weil ich an meinem ersten Vortrag noch arbeite.“ Er fuhr nachdenklich mit dem Finger über den Nasenrücken. „Einige Wochen dauert es noch, denn ich will die alten Bücher ja nicht nur vorlesen, sondern auch meine Recherchen und Forschungsergebnisse vortragen. Ich hoffe natürlich auf reges Interesse…“

„Ich glaube, es gibt keinen, der sich nicht für die alten Schätze interessiert. Das wird bestimmt ein Riesenerfolg…! Und sicher ist das auch für Sharie attraktiv…ich werde es ihr gleich erzählen…oder weiß sie es schon, Mucol?“

„Ich habe Sharie nun schon seit einigen Tagen nicht mehr gesehen…“ entgegnete er bedauernd. „Normalerweise schaut sie immer nach, ob der gute Mucol auch sein Frühstück hat. Denn sie weiß doch, wie gern ich gut esse…nun, vielleicht ist sie kurzfristig verreist…“ Er zuckte mit den Schultern. „Kann ja sein…“

„Okay, Mucol, ich versuche es nun bei Sharie…“ Sie reichte Mucol die Hand. „Lass es dir gut schmecken…wir sehen uns…und wie du schon gesagt hast, ich weiß nun, wo du zu finden bist…“

„Bis dann, Thora…“ er lächelte fein…“und mache keinen Unsinn…!“

Thora verzog das Gesicht…“Ich will es versuchen….“ murmelte sie leise und schaute Mucol nach, der sich an der Tür des Gasthauses noch einmal umdrehte und ihr lachend zuwinkte.

Mucol…der fleißige Forscher, der sich völlig in die uralten Königsbücher vergraben hatte und darüber vieles vergaß. Doch für ein raffiniertes Spezialitätengericht in Sharies goldenem Kerathbogen ließ Mucol in schöner Regelmäßigkeit ohne mit der Wimper zu zucken auch ein spannendes Geschichtsbuch liegen.


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BeitragVerfasst: 20.11.2005 - 11:03 
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Fortsetzung....

Thora begab sich nun zum hinteren Teil des Hauses und betätigte den antiken Türklopfer. Nach kurzer Zeit vernahm sie Schritte und die massive Holztür mit den prunkvollen Schnitzereien wurde geöffnet.

„Guten Morgen, Talman…“, grüßte Thora freundlich. „Ich möchte zu Sharie…“

„Oh, guten Morgen, Thora…“ erwiderte Talman, Sharies zuverlässiger und dienstbeflissener Hausgeist. Er zuckte bedauernd mit den Schultern. „Es tut mir sehr leid, aber Sharie ist gestern kurzfristig in einer dringenden Angelegenheit nach Bahrela gereist.“

„Entschuldige meine Neugier, Talman…ist dort etwas nicht in Ordnung?“, erkundigte sich Thora überrascht.

„Doch…doch…soweit schon…jedenfalls liegt nichts Besorgniserregendes an! Soviel ich jedoch weiß, geht es um die Erhöhung der Liefermengen für Pimmaka – und Sulisfrüchte. Sehr wahrscheinlich müssen die Anbauflächen erweitert werden und es gilt, einige unvorhergesehene Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen…“ erzählte Talman bereitwillig. „Doch wir erwarten Sharie in den nächsten Tagen zurück.“

Thora seufzte…sie hätte es sich denken können. Sharie regelte solche Dinge grundsätzlich persönlich. Sicher war diese Tatsache einer der Gründe, warum sie mit ihrem straff geführten Unternehmen so erfolgreich war.

Talman öffnete die Tür noch weiter und trat einladend zur Seite. „Komm doch herein, Thora! Vielleicht kann ich Sharie etwas ausrichten?“

Thora winkte ab. „Nein, nein…, ich glaube, ich komme später wieder…vielen Dank, Talman! Bitte grüße Sharie von mir!“

Sie hob grüßend die Hand, und wandte sich um, während Talman freundlich nickend die Tür schloss. Was nun...überlegte sie einen Moment unschlüssig. Sie hätte gern mit Sharie einige Worte gewechselt, auch wenn diese kaum etwas von ihrer stets mit wichtigen Terminen ausgefüllten Zeit entbehren konnte. Sharie erkannte und registrierte mit ihrer natürlichen Spontaneität manchmal Dinge, die sie, Thora einfach übersah.

Sie musste plötzlich an den technisch versierte und immer kühl auftretenden Logiker denken, der alle unvorgesehenen Ereignisse zunächst einmal nüchtern analysierte, bevor er Entscheidungen traf. Er war mit Sharie befreundet und Thora war ihm bisher nur auf einigen Einladungen begegnet. In Diskussionsrunden lief er zur Hochform auf und brachte mit der ihm eigenen Unvoreingenommenenheit stets alles auf einen sachlichen Nenner zurück, wenn sich die Gemüter an einem Thema allzu sehr erhitzten. Er wohnte nicht weit von hier in einer geräumigen Dachwohnung und sie beschloss, ihn aufzusuchen.

Auch er unternahm seine regelmäßigen Forschungsreisen, doch war er nicht auf der Suche nach Gewürzen, sondern er ließ von den fremden Welten in all ihrer Vielfältigkeit inspirieren, um nach seiner Rückkehr seine Erlebnisse und Erkenntnisse in phantasievollen Klangbildern zum Leben zu erwecken. Auch baute er aus Naturmaterialien der jeweiligen Welten neue geniale Musikinstrumente zusammen, um ihnen phantastische Klänge zu entlocken. Er war inzwischen eine anerkannte Koryphäe auf diesem Gebiet und seine Konzerte auf der Freilichtbühne am See unter dem Kerathbogen waren sehr beliebt und stets ein besonderes Ereignis.

Thora schlenderte an einigen Marktständen vorbei und erstand frischen Kolovi, der erst am frühen Morgen aus Lujeenan eingetroffen war, wie der Händler versicherte. Dieses Gemüse war eine Delikatesse und der feine nussartige Geschmack unvergleichlich.

Am anderen Ende des Platzes stieg sie eine kurze Treppe zu den noch etwas höher gelegenen Wohnungen hinauf, welche auch als Künstlerviertel bezeichnet wurden. Hier eine Wohnung zu bekommen, war sehr schwer, denn wer einmal dort heimisch geworden war, zog nicht mehr aus.

Schon von weitem stellte sie jedoch fest, dass in der Dachterassenwohnung alle Fenster geschlossen und kein Lichtschein andeutete, dass er daheim war. Sie seufzte leise…Mucol hatte recht mit seiner Aussage... zurzeit waren alle Forscher äußerst beschäftigt...aber war sie das nicht auch? Doch ebenso schnell konnte sich das auch ändern…

Nachdenklich wandte sie sich ab. Viele Möglichkeiten, mit jemanden über das zu reden, was sie bewegte, hatte sie nun nicht mehr. Sie kannte zwar viele, jedoch nur wenige näher, was allein schon durch die zeitaufwändigen Reisen der Forscher und Wissenschaftler bedingt war.


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BeitragVerfasst: 23.11.2005 - 11:59 
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Fortsetzung...

Zu den Forschern, mit welchen sie bereits gemeinsame Reisen
unternommen hatte, gehörte auch Cathy. Cathy war mit Leib und Seele Forscherin und sie wäre gewiss nicht abgeneigt, sich Thoras Erlebnisse und Überlegungen anzuhören. Zumal sie ständig auf der Suche nach neuen Herausforderungen war und förmlich darauf brannte, rätselhafte Geheimnisse zu lösen. Cathy würde gewiss alles liegen und stehen lassen und mit ihr, Thora, auf eine neue Forschungsreise gehen.

Cathy war ein fröhlicher Mensch und auf den teilweise sehr strapaziösen Forschungsreisen sehr belastbar. Bei auftretenden Problemen reagierte sie immer souverän und gelassen. Sie wohnte auf der anderen Seite des großen Sees und war eigentlich ständig unterwegs…und dies so gut wie immer mit anderen Forschergruppen, wobei sie von ihrem untrüglichen Instinkt für neue Mysterien geleitet wurde. Thora nahm sich vor, Cathy in absehbarer Zeit einmal aufzusuchen…

Ihr Blick folgte den Kurven der schmalen Straße mit dem blaugrauen Kopfsteinpflaster, glitt über die teilweise in den Fels gearbeiteten Häuser, deren Alkoven mit fremdartigen bunten Blumen geschmückt waren. Langsam schritt Thora an den Häusern entlang…eine fast beschauliche Atmosphäre lag über dieser hochgelegenen noch menschleeren Straße.

Auch Lemura hatte vor einiger Zeit ihr Domizil in dieses stille Künslerviertel verlegt. Ganz am Ende der Straße residierte sie in einer weitläufigen Atelierwohnung, in dessen lichtdurchfluteten Räumen ihre phantastischen Gemälde entstanden. Es gab in Ae`gura kaum noch eine Wohnung oder ein öffentliches Gebäude, in denen nicht mindestens eines ihrer Kunstwerke ein Zuhause gefunden hatte. Der Schwerpunkt ihrer Arbeiten umfasste Landschaftsimpressionen und kreative Zusammenstellungen verschiedener mystischer Objekte in surrealistischen Welten
.
Von Zeit zu Zeit schloss sich Lemura verschiedenen Forschergruppen an. Manchmal reiste sie auch allein, um neue Anregungen und Eindrücke zu sammeln, und diese anschließend in ihrem Atelier kunstvoll auf Leinwand zu verewigen.

Von Sharie wusste Thora, dass sich Lemura bereits seit Wochen auf Rahjaro befand; einer relativ kühlen Wasserwelt, über deren zahlreiche Inseln stets eine steife Brise wehte. Das Spiel von Wolken, Licht und Wind an einem meist saphirblauen Himmel in glasklarer Luft, gepaart mit grandiosen Sonnenaufgängen und farbenprächtigen Sonnenuntergängen zog immer mehr erholungssuchende Forscher an, die sich für einige Zeit auf eine der Inseln niederließen, sei es, um zu arbeiten oder um einfach nur relaxen und den ewigen Wind genießen wollten, der ein Gefühl von grenzenloser Freiheit vermittelte. Die wilden Schreie der Alburren…schneeweiße Luftakrobaten mit einer enormen Flügelspannweite… vermischten sich mit dem Donnern der gischtenden Brandung, die mit nie nachlassender Wucht gegen die schroffen Felsküsten brandete. Dieses Naturschauspiel vergaß niemand, der es einmal intensiv ausgekostet hatte.

Doch es gab noch einen anderen Ort, an dem sie ihre unruhigen Gedanken ordnen konnte…unschlüssig musterte sie die Tasche mit dem frischen Kolovi, den sie auf dem Markt erstanden hatte…also musste sie erst nach Hause und das Gemüse für den Verzehr vorbereiten. Es schmeckte so frisch wie nur möglich am besten und sie wollte es heute noch zubereiten.

Mit einem letzten Blick sog sie die atemberaubende Kulisse der lebendigen Stadt auf, die sich aus dieser Perspektive von ihrer besten Seite zeigte. Diese Stadt macht süchtig…dachte sie, bevor sie ihr Reltobuch aufschlug. Wer mit ihr kokettierte, war ihr verfallen und kam nie mehr von ihr los…

Wie schon etliche Male zuvor, materialisierte sie in ihrem Relto…ihrer neuen Heimat, wo sie lebte und arbeitete. Diesmal hatte sie keinen Blick für die eigenartig schöne Umgebung, sonders schritt zielstrebig zum Haus, um sich ihrer Einkäufe zu entledigen.

Danach trat sie an ihr Reisebuchregal und zog das Buch mit dem grellroten Einband hervor. Sie schlug es auf und ließ die glühende Szene des flirrenden Bildes auf sich wirken. Ja…dorthin wollte sie…jetzt…


Vorläufiges Ende….?

.


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BeitragVerfasst: 17.01.2006 - 21:33 
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Die glühende Hitze von Eder Gira raubte ihr fast den Atem. Sie eilte im Laufschritt den schmalen Felsgrat hinauf zu ihren Lieblingsplatz auf dem Plateau. Dort oben, zwischen den graugrünen farnartigen Gewächsen mit den ledernen, runzeligen Blättern, hatte sie einen herrlichen Rundblick über diese urtümliche Welt, die sich von einer fremdartigen und bizarren Schönheit zeigte.

Der türkisfarbene Himmel bildete einen eigenartigen Kontrast zu dem glühenden Magma, welches in der Tiefe fauchend brodelte. Immer wieder griffen feurige Fontänen gleich überdimensionalen Fangarmen gierig nach der einsamen Besucherin auf dem Felsen. Fasziniert und unbeweglich beobachtete sie die entfesselten Naturgewalten. Sie genoss den Anblick der tobenden Elemente und das Gefühl, ein fester Bestandteil dieser Welt zu sein, wurde fast übermächtig.

Wenn sie den Blick hob, konnte sie in der Ferne hinter den Felsen, die das kleine Tal, in dem sie sich befand, fast lückenlos umschlossen, einen Teil des Wasserfalls sehen, welcher sich in ein schmales Flussbecken ergoss. Der Fluss wiederum verlor sich nach einigen Windungen über einem hohen, felsigen Abgrund in eine dicht bewaldete geheimnisvolle Tiefe.

Langsam glitten ihre unruhigen Gedanken in geordnete Bahnen zurück und wohltuende Ruhe umfing den Geist. Worin lag der Zauber dieser heißen Welt, mit der jeder Besucher nach kurzer Zeit im Gleichklang atmete? Waren es die krassen Gegensätze, die in ausgeglichener Gemeinsamkeit nebeneinander existierten? Konnte man diesen Vergleich nicht auch zwischen der traditionsbewussten, ruhmreichen Vergangenheit der D´ni und der heutigen modernen Forschergeneration heranziehen? War nicht gegenseitige Toleranz die Voraussetzung für ein fruchtbares Miteinander? Dachte sie, Thora, was die bewegte und teilweise noch unerforschte Vergangenheit der D`ni betraf, nicht manchmal zu streng?

Langsam verdunkelte sich der türkisfarbene Himmel und immer mehr Sterne ordneten sich zu mystischen und rätselhaften Bildern am Himmel. Der erste Mond schob sich über den Horizont hinauf. Vor der düsterrot glühenden Tiefe leuchtete sein silberweißes Licht in einem rosafarbenen Ton. Der zweite Mond hatte heute am Tageshimmel gestanden und kurz nach Sonnenuntergang seine Reise hinter den Horizont angetreten.

Erst, als es fast vollständig dunkel war, stand sie langsam auf. Mit einem letzten Blick umfing sie die glühende Tiefe und den mit unzähligen Sternen übersäten Himmel…wie harmonisch sich die Gegensätze dieser Welt doch vereinten...

Es wurde Zeit, zurückzukehren...nach Hause. Ihr Entschluss stand fest… sie würde der Spur folgen…und damit einer Verlockung nachgeben, die ihr sonst keine Ruhe mehr lassen würde.

Als sie die Hand auf das flirrende Bild legte, hatte sie für einen Moment das Gefühl, durch einen drehenden Tunnel gezogen zu werden. Dies war jedoch mit keinen negativen Empfindungen verbunden und die Materialisation an dem neuen Ort erfolgte fast übergangslos. Eben noch auf dem Plateau in Eder Gira, stand sie nun auf der Wiese vor ihrem Heim. Aufatmend umfasste sie mit den Blicken die vertraute Umgebung, deren kühle und geheimnisvolle Schönheit immer noch darauf wartete, erforscht zu werden

Sie hatte es noch keine Sekunde bereut, in diese rätselhafte und eigentümliche Welt umgesiedelt zu sein. Sie beschloss, unter dem kleinen Wasserfall hinter dem Haus ein kühles Bad zu nehmen, was sie nach dem heißen Besuch in Eder Gira intensiv genießen würde. Sie lief um das Haus herum und den sanft abfallenden Hügel hinunter. Schnell entledigte sie sich der verschwitzten Kleidung und watete langsam durch den von hohem Schilf und farbenprächtigen Blumen umsäumten Teich zum Wasserfall.

Als das Wasser eiskalt auf ihren Körper prasselte, presste ihr der plötzliche Kälteschock für einen Augenblick die Luft aus den Lungen. Und selbst hier…im kalten Wasser musste sie an ihren jüngsten Besuch in der Bibliothek denken….


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BeitragVerfasst: 06.02.2006 - 19:47 
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Etwas über die Kunst des Weltenschreibens in Erfahrung zu bringen oder es gar zu erlernen, übte auf alle Forscher von der Oberwelt einen unwiderstehlichen Reiz aus. Es spielte keine Rolle, wie lange diese Forscher bereits mit den D`ni lebten und arbeiteten… es war ihnen grundsätzlich nicht gestattet, diese hohe Fertigkeit an der Schreibschule zu erlernen.

Die Forscher respektierten dies, doch jeder versuchte auf seine Art und Weise, sich zumindest theoretische Kenntnisse auf diesem Gebiet anzueignen. Das Weltenschreiben war das alleinige Privileg eines kleinen Kreises meisterhafter Schreiber aus dem Volk der D`ni und nur wenige hochtalentierte Kinder wurden behutsam über einen Zeitraum von vielen Jahren an diese faszinierende Kunst herangeführt und unterrichtet.

Viele Stunden verbrachte Thora deshalb in den Kellergewölben der Bibliothek, um in den dort ausgelagerten alten Büchern nach brauchbaren Informationen dieser Kunst zu suchen. Die Forscher durften zwar alle öffentlichen Reisebücher benutzen… doch welch ein unbeschreibliches Gefühl konnte es sein, ein eigenes Buch zu schreiben?

Sie war sich natürlich darüber im Klaren, dass dies ein zu hoch gestecktes Ziel war, da sie weder über das theoretische Wissen, noch über die unvermeidlichen praktischen Dinge verfügte, ein solches Projekt überhaupt nur in Erwägung zu ziehen. Ganz zu schweigen von dem nötigen Einfühlungsvermögen…welches als wichtigste Voraussetzung für diese faszinierende Kunst galt.

Deshalb hoffte sie, in der Bibliothek noch irgendwo vergessenes Lehrmaterial und weitergehende hilfreiche Aufzeichnungen zu finden, um ihre bisherigen recht bescheidenen Kenntnisse zumindest etwas zu vertiefen…und nun dachte sie voller Unruhe an Kelurs Buch, welches ihre bisherigen Recherchen in den Hintergrund treten ließ und ein völlig neues Rätsel aufwarf.

Zudem hatte sie etwas getan, was ihr Empfinden von Recht und Unrecht ungemein belastete… sie hatte das uralte Buch aus der ehrwürdigen Bibliothek entwendet. Mit anderen Worten…sie hatte es gestohlen! Es war wie ein Zwang gewesen…sie musste es einfach tun.

In den muffigen und staubigen Kellerräumen der Bibliothek wurden Bücher aufbewahrt, die kaum noch lesbar waren, beschädigt oder einfach nur von unbekannten Schreibern stammten. Nur die Werke der großen und berühmten Schreiber wurden in den oberen Räumen sorgfältig gepflegt…doch lesen durfte sie niemand. Dazu zählten die uralten geschichtlichen Schätze ebenso wie die enorme Sammlung von beschreibenden Büchern, die ihrerseits noch einmal gesondert gegen unbefugten Zugriff gesichert wurden. Die anderen…angeblich wertlosen…hatte man aussortiert und in den Kellergewölben zwischengelagert.

Anschließend wurden sie entweder an Antiquariate verkauft, oder wenn sich kein Abnehmer fand, nach einer gewissen Zeit zur Entsorgung freigegeben. Doch was auch immer mit Kelurs Buch geschehen sollte, es war zu jeder Zeit das rechtmäßige Eigentum der Bibliothek. Darüber jedoch zu philosophieren, hatte nun keinen Sinn mehr. Die Würfel waren gefallen…

Kelur hatte in seinem Werk elementare Grundlagen von der hohen Kunst des Schreibens überliefert. Doch dieses verstaubte, abgegriffene Werk hatte einem ungewissen Schicksal entgegengesehen und es war nicht ausgeschlossen, dass man es in absehbarer Zeit vernichtet hätte, da es sich wohl selbst für ein Antiquariat in keinem akzeptablen Zustand mehr befand. Doch trotz dieser unumstößlichen Tatsache blieb das leise bohrende Gefühl, etwas Unrechtes getan zu haben, in ihr zurück.

Es war ein interessantes Buch, welches für sie gewiss einige wertvolle Informationen enthielt und sie hatte es erfreut durchgeblättert. Doch es war sehr alt und die verblichene Schrift recht schwierig zu lesen. Mit Sicherheit stammte es noch aus der Zeit vor dem großen Beben. Die Feuchtigkeit begann nun, das gute Papier langsam zu zersetzen…bis auf das pergamentdünne, sehr gut erhaltene Büchlein, das lose zwischen die engbeschriebenen, teilweise schon zerfallenden Seiten von Kelurs Werk geschoben war. Es war ohne festen Einband und schien in aller Eile angefertigt worden zu sein. Die nur leichten Verfärbungen an den Rändern deuteten darauf hin, dass es offenbar zu einem viel späteren Zeitpunkt in Kelurs Buch gelegt wurde.

Die wenigen Seiten waren leer…bis auf die Abbildung einer von hohen Bäumen umgebenen Waldlichtung, welche aber irgendwie unfertig wirkte, denn etwas Entscheidendes fehlte. Als sie mit den Fingern leicht über das samtartige, dünne Papier strich, stockte ihr der Atem. Ungläubig beobachtete sie, wie sich sanft leuchtende Buchstaben zu Sätzen formten…


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BeitragVerfasst: 12.02.2006 - 20:21 
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„Unbekannter Forscher…ich habe diesen ungewöhnlichen Weg gewählt, um…nun, betrachte es einfach als eine interessante Einladung. Dieses uralte Lehrbuch, dessen Inhalt für uns längst keinen großen Wert mehr hat, liest heutzutage niemand…außer den wissbegierigen und bildungshungrigen neuen Forschern. Kelur hat zu seiner Zeit mit Erfolg kompliziertes Wissen allgemeinverständlich dargelegt. Als Zielgruppe seiner Werke hatte er besonders die hart arbeitende Volksschicht im Blick.

Doch diese Zeit liegt lange zurück und das neue Volk benötigt solche alten Werke nicht mehr, um Bildungslücken zu schließen. Ich weiß daher, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis die Werke solch alter Volksschriftsteller wie Kelur von den wahrhaft großen Schreibern unseres Volkes getrennt werden.

Deshalb muss ich damit rechnen, dass meine Einladung niemals angenommen wird…es sei denn…einer von den hartnäckigen neuen Forschern der Oberfläche findet diese Nachricht und den Weg zu mir. Doch wie auch immer es kommt…das Eine wie das Andere habe ich einkalkuliert und ich kann mit beiden Resultaten bequem leben.

Ich folge meinem Gewissen und stelle mich damit gegen unsere Traditionen und Gesetze. Und auch gegen unsere Handlungen und Ansichten der Dinge, die für euch meist unverständlich und nicht nachvollziehbar sind. Zudem sind wir frei von jeder Sentimentalität und übertriebener Empfindsamkeit. Sicherlich haben uns in erster Linie diese Eigenschaften dahin gebracht, wo wir heute sind! Ich bin ungeheuer stolz auf mein Volk und auf alles, was wir erreicht haben. Du kannst diese Worte interpretieren, wie du willst…sie behalten für mich zu jeder Zeit ihre Gültigkeit.

Doch ich habe eine Entscheidung getroffen, die für einen Vertreter meines Volkes recht ungewöhnlich ist. Die Zukunft wird zeigen, ob diese richtig war. Wenn du also meiner Einladung folgen und dich auf die Suche nach meiner Spur begeben willst… Forscher…dann benutze dieses Buch…ich habe es speziell für diesen Zweck geschrieben…es wird sich in einem deiner Bücher aktivieren und dich lenken…“


Die leuchtenden Buchstaben erloschen so langsam, dass Thora die Schrift noch eine ganze Weile entziffern konnte. Wer hatte dies geschrieben? Da der unbekannte Schreiber seinen Namen nicht genannt hatte, gab es auf diese Frage keine Antwort. Wieder strich sie über das weiche Papier…und wieder leuchteten die Buchstaben gleichmäßig und sanft auf.

Diese leuchtende Schrift…eine für sie neue und noch unbekannte Art des Schreibens. Fasziniert strich sie immer wieder über das Papier und registrierte mit klopfendem Herzen jedes Mal das neuerliche Aufleuchten der Buchstaben und deren langsames Erlöschen nach einer angemessenen Zeitspanne. Vielleicht hatte es mit besonderen Kristallen zu tun…grübelte sie…die unter dem Einfluss von Licht oder Wärme ihre gespeicherte Energie abgaben…

Mit gemischten Gefühlen dachte sie plötzlich an Mucol…hatte dieser als anerkannter Geschichtsforscher nicht vor einiger Zeit eine befristete Sondergenehmigung für bestimmte geschlossene Teile der Bibliothek erhalten, die den anderen Forschern und der breiten Öffentlichkeit nicht zugänglich waren, um seine Recherchen in den dort ausgestellten kostbaren alten Geschichtswerken fortzusetzen? War es möglich, dass er längst über Informationen verfügte, die sie sich mühsam zusammensuchen musste?

Doch andererseits hatte er sich völlig andere Ziele gesetzt als sie….sie seufzte leise...vorerst gab es darauf keine klare Antwort. Mit ihren Fragen würde sie bis zu einem gemeinsamen Treffen der Forscher warten müssen.

Thora betrachtete nun das Bild genauer…es war nur ein Bild… mehr nicht. Ein einfaches, unfertiges Bild…oder doch nicht? Um als Reiseziel zu gelten, musste es also noch aktiviert werden.

Was hatte sie gelesen…“es wird sich in einem deiner Bücher aktivieren…“ In welchem Buch? Und…„Es wird dich lenken“! Was bedeuteten diese Worte?

Sie sah auf Kelurs Buch…welches der unbekannte Schreiber sicher nicht gemeint hatte, denn es war nur ein altes Lehrbuch. Ihre Gedanken überschlugen sich… wenn sie dieses unfertige Schaubild…denn ein solches war es ganz offensichtlich… jedoch mit einem ihrer Verbindungsbücherbücher in Kontakt brachte? Was würde dann geschehen?

Thora atmete tief ein…wozu war sie Forscher? Ihre Neugier war geweckt….und ganz sicher von dem unbekannten Schreiber berechnend einkalkuliert worden, wie er selbst es ausdrücklich erwähnt hatte. Sorgfältig legte sie die dünnen und empfindlichen Seiten in Kelurs Buch zurück und klappte es zu. Einen Moment zögerte sie…dann schob sie es unter ihre Jacke in die große Innentasche. Sie sah sich vorsichtig um, doch niemand hatte sie dabei beobachtet, denn in die alten Kellergewölbe der Bibliothek verirrte sich selten jemand.

Erleichtert hatte sie ihr Reltobuch aufgeschlagen und Sekunden später war ihre mysteriöse Entdeckung in Sicherheit gewesen. Um sich über ihr weiteres Vorgehen klar zu werden, hatte sie in Ae`gura Sharie aufsuchen wollen um deren Meinung in dieser rätselhaften Angelegenheit zu hören. Doch diese war zu einer dringenden Geschäftsreise aufgebrochen und Thora war unverrichteter Dinge wieder zurückgekommen.

Auch war sie vor dem *Goldenen Keraht*, Sharies exklusivem Spezialitätenrestaurant, zufällig auf Mucol getroffen. Zunächst hatte sie ernsthaft in Erwägung gezogen, diesen ins Vertrauen zu ziehen, doch dann hatte sie sich doch dagegen entschieden…denn Mucol war derzeit sehr beschäftigt. Doch Mucol hatte eine gute Beobachtungsgabe und ein feines Gespür für unterschwellige Schwingungen und somit sofort den richtigen Verdacht, das sie sich mit irgendeinem Problem auseinander setzte. Das misstaurische Aufblitzen in seinen Augen und seine letzten Worte…“und mache keinen Unsinn…Thora“…hatten seine Gedanken verraten.

Kurzentschlossen hatte sie sich daraufhin nach Eder Gira begeben. In der ungebändigt tobenden Natur dieser Welt voller Gegensätze, gelang es ihr stets, die richtige Entscheidung zu treffen.

Und nun hatte sie einen Entschluss gefasst… sie würde dieses geheimnisvolle Schaubild einer fremden Welt mit einem ihrer Reisebucher benutzen und sehen, wie es weiterging. Sie hatte eine Spur aufgenommen und sie würde nicht eher ruhen, bis sie Klarheit darüber hatte, was und wer sich hinter diesen mysteriösen Worten verbarg.

Der unbekannte Verfasser musste die Kunst dieser faszinierenden Art des Schreibens, die sich von der bekannten in einigen Punkten unterschied, jedoch wahrhaft virtuos beherrschen…das stand eindeutig fest…


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BeitragVerfasst: 21.02.2006 - 19:31 
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Ihre Gedanken kehrten aus der Vergangenheit in die Gegenwart zurück…

Erfrischt stieg sie aus dem kalten Wasser des kleinen, von hohen Felsen umgebenen Teiches und wickelte sich in ein Tuch, welches auf einem flachen Stein zum Trocknen auslag. Rasch sammelte sie ihre Kleidung ein und begab sich über den Hügel zum Haus.

Doch bevor sie es betrat, schweifte ihr Blick noch einmal über das Nebelmeer, aus dem die zahlreichen Felseninseln in der einsetzenden Abenddämmerung wie Realität gewordene Träume hervorragten. Auf dem größten, noch unerforschten Eiland lebte Kharun, der rätselhafte Fremde, welchem sie vor einiger Zeit auf einer spontanen Kurzmission begegnete und anschließend Asyl in ihrem Relto gewährt hatte.

Die Geschichte um Kharun, dem fremdartigen Wesen, war auch etwas, was ihr Kopfzerbrechen bereitete. Sein trauriges Schicksal lag weitgehend im Dunklen und schien doch eng mit den D`ni verknüpft zu sein. Doch war sie dabei nur auf Vermutungen angewiesen, die sie letztendlich keinen Schritt weiterbrachten.

Kharun…der nicht wusste, wo seine Heimat war und auch nicht, welches Schicksal sein Volk erlitten hatte. Sie hatte ihm versprochen, dass sie sich gemeinsam auf die Suche begeben würden. Doch vorerst brauchte er noch viel Zeit, um sich von seinem unfreiwilligen, langen Aufenthalt in der Wüste von Hömun-yak zu erholen. Wie lange er dort schon ausgeharrt hatte und vor allem, wie er dort hingekommen war, vermochte er nicht zu sagen. Entweder hatte Kharun sein Gedächtnis verloren, oder er hatte seine traumatischen Erlebnisse bewusst verdrängt. Nur eines war ihm mit Sicherheit klar…die heiße Welt Hömun-yak war nicht seine Heimat.

Er träumte von einer schroffen Bergwelt in kühler, klarer Luft, von frostigen sternklaren Nächten und im Sonnenlicht glitzernden weißen Schneeebenen. Um die glühende Hitze von Hömun-yak zu ertragen, hatte er sich tagsüber in den Höhlen des einzigen noch bewaldeten Gebirges der uralten Wüstenwelt aufgehalten.

Mit seinem riesigen Flugwesen Darise, welches eines der letzten imposanten Exemplare seiner Art auf dieser Welt war, hatte er nur in der nächtlichen Kühle die einheimischen Volksstämme besucht, die ihm mit Nahrungsmitteln und Wasser aushalfen. Im Gegenzug stellte er seine geheimnisvollen Kräfte für viele Alltagsprobleme der einfachen Völker zur Verfügung. Obwohl diese ihn längst als einen der Ihren betrachteten, blieb er jedoch schon allein wegen seines exotischen, sehr fremdartigen Aussehens als einziger Vertreter seiner Rasse immer einsam.

Thora vermutete, dass Hömun-yak eventuell eine alte, vergessene Gefängniswelt war, wohin es eigentlich keinen Weg geben sollte und durfte. Die einheimischen Völkergruppen waren zu sehr mit ihrem täglichen Überlebenskampf beschäftigt und konnten in dieser Hinsicht keinerlei Informationen geben. Auch waren sie ausnahmslos davon überzeugt, schon seit jeher unter der Sonne von Hömun-yak zu leben und eine Existenz auf anderen Welten war für sie unvorstellbar.

Bei ihren regelmäßigen Besuchen in den Antiquariaten auf der Suche nach alten Buchschätzen hatte sie dieses beschädigte und an den Rändern rußgeschwärzte Verbindungsbuch im hintersten Regalwinkel entdeckt. Dem äußeren Zustand des Buches nach zu urteilen, hatte sie vermutet, dass es ursprünglich verbrannt werden sollte. Der Antiquar hatte zudem keine genaueren Angaben über die Herkunft des Buches machen können. Neugierig geworden hatte sie es daraufhin für einen geringen Preis erworben. Welches Geheimnis umgab dieses alte Verbindungsbuch?

Ihr Forscherdrang ließ keine Ruhe und nach entsprechenden Vorbereitungen hatte sie eine Reise in die heiße Wüstenwelt unternommen. Schon nach kurzer Zeit begegnete sie dort dem verzweifelten Kharun, der sie inständig bat, ihm und seiner exotischen Freundin zu helfen. Sie hatte sich auf ihr Gefühl verlassen und ohne lange zu überlegen, beide vorerst in ihrer kühlen Heimat aufgenommen. Und wenn Hömun-Yak nun wirklich eine
vergessene Gefängniswelt der D`ni war… welchem schweren Vergehen hatte Kharun sich schuldig gemacht, was eine Abschiebung dorthin gerechtfertigt hatte?

Kharun schien über erstaunliche und mysteriöse Fähigkeiten zu verfügen, worüber er sich jedoch nicht näher ausließ. Ihre Bemühungen, sich auf seine Psyche einzustellen, liefen bei Kharun ins Leere. Im Gegensatz dazu fühlte sie sich von den rätselhaften, schillernden Augen gnadenlos durchschaut.

Er war noch intensiv damit beschäftigt, sich auf seiner neuen Heimatinsel häuslich einzurichten und er fühlte sich dort sichtlich wohl, wie er ihr bei seinen letzten Besuch versichert hatte. Sie hatte ihm ein Verbindungsbuch nach Ae`gura besorgt, welches er nach langem Zögern schließlich benutzt hatte, um sich ein Bild von seiner derzeitigen Lebensumgebung zu machen. Seine Befürchtungen, wegen seiner fremdartigen Physiognomie eventuell Aufsehen zu erregen, hatten sich nicht bewahrheitet. Außer einem neugierigen Seitenblick hatte niemand von ihm Notiz genommen.

Seine unterschwellige Aggressivität hatte sich inzwischen weitgehend zu einer freundlichen und gelassenen Wesensart gewandelt. Dennoch blieb er der undurchschaubare geheimnisvolle Fremde, der von dem leidenschaftlichen Wunsch beseelt wurde, seine wahre Heimat wieder zu finden.

Thora seufzte leise…sie würde warten müssen, bis er die Zeit für gekommen hielt, über sich und seine Erlebnisse zu reden…jedenfalls soweit sie ihm wieder einfielen. Vorläufig war deshalb mit Kharun nicht zu rechnen…die Reise ins Unbekannte würde sie diesmal noch allein machen müssen. Jedoch hatte er für ihre bisherigen Forschungsreisen ein reges Interesse gezeigt und irgendwann würde er sie und die Forscherfreunde auf einer neuen Mission begleiten, dessen war sie sicher. Schon allein, weil er hoffte, dabei auf Spuren seines für ihn verschollenen Volkes zu stoßen.

Inzwischen war es vollständig dunkel geworden. Fröstelnd wandte sie sich um und betrat endgültig das Haus.


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BeitragVerfasst: 01.03.2006 - 22:58 
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In der folgenden Nacht stand der Mond nicht am Himmel und die Sterne leuchteten nur schwach. Das bedeutete, dass der blaue Nebel in wenigen Tagen wieder alles einhüllen würde.

Sobald der neue Tag begann, wollte sie ihren Plan in die Tat umsetzen. Es gab zwei Möglichkeiten…entweder sie gelangte wie gewohnt an ihr gewähltes Ziel…oder in diese fremde Welt. An eine dritte Möglichkeit mochte sie nicht denken…nämlich nirgendwohin zu kommen und für immer zwischen den Dimensionen verschollen zu bleiben.

Die wenigen Dinge, die sie mitnehmen wollte, hatte sie schnell beisammen. Wasserflasche, einige Früchte und Mekorinbeeren, ein Spezialmesser, um sich eventuell einen Weg durch dichtes Gehölz zu bahnen, sowie eine kleine leistungsstarke Handlampe. Mehr brauchte sie nicht, denn sie hatte nicht vor, ihren ersten Besuch in der unbekannten Welt über Gebühr auszudehnen. Vorläufig wollte sie nur die Möglichkeiten, die sich boten, ausloten….anschließend konnte sie weiter sehen.

Dann war es soweit. Welches ihrer Reisebücher sollte sie nun für dieses ungewöhnliche Experiment wählen?

Nach kurzer Überlegung öffnete Thora das Verbindungsbuch zur Wüste und legte die dünnen Blätter mit dem noch leblosen Bild der fremden Lichtung, welches sie in dem alten Lehrbuch gefunden hatte, vorsichtig auf das flimmernde Wüstenbild.

Und das Unwahrscheinliche geschah….das starre Schaubild begann zu atmen…die Baumkronen bewegten sich im Wind und ihre überreizten Sinne gaukelten ihr sogar die Schreie der Vögel vor. Fasziniert sah Thora auf das nun dynamisch und lebendig wirkende Abbild der Lichtung, welches sie einlud…hineinzutauchen. Erwartungsvoll legte sie ihre leicht zitternde Hand darüber.

Sie schwebte….nein…sie fiel! War sie im Nichts? Hatte sie zuviel gewagt? Sie fühlte sich wie ein Blatt, das der Sturmwind vor sich her trieb. Das Nichts wurde greifbar…fühlte sich weich an… bekam Farben und Substanz…Töne erklangen….Wind strich durch ihr Haar…erwartungsvoll öffnete sie die Augen…

Sie lag ausgestreckt in kniehohem Gras. Die Luft war warm…fast schon zu warm und erfüllt von fremden Gerüchen. Aus allen Richtungen hörte sie das Schreien und die Geräusche von fremdartigen Tieren. Langsam stand sie auf und sah sich vorsichtig um. Ein kleines, marderähnliches Geschöpf huschte an ihren Füßen vorbei und beäugte Thora neugierig. Riesige Insekten mit großen schillernden Flügeln schwirrten in hohem Tempo über die Lichtung, wobei sie ständig abrupt die Richtung änderten. Verborgene Bewegungen in den dichten Baumkronen zeugten von der reichhaltigen Fauna dieser fremden Welt.

Es hatte funktioniert…sie war an ihrem Ziel angekommen. welches das Schaubild in dem geheimnisvollen, dünnen Buch zeigte. Die Worte des Fremden, wonach sich das Bild in Verbindung mit einem ihrer Reisebücher als Ziel aktivieren würde, hatten sich bewahrheitet. Hier begann die Spur…und wohin führte sie? Sie legte den Kopf in den Nacken…durch das dichte, sich sanft bewegende Blätterdach der hohen Baumkronen drangen blinkende Spuren von Sonnenlicht.

Thora beschloss, die nähere Umgebung zu erkunden. Rechts von ihr schien sich der dichte Dschungel etwas zu lichten. Deshalb beschloss sie, sich zunächst in diese Richtung zu bewegen. Niedrig hängende Äste, hohe Sträucher, riesige bunte Farne, und dünne, biegsame Lianen, die von den Bäumen herabhingen, sich von Ast zu Ast schlängelten und über den Boden wanden, versperrten ihr oft den Weg. Mühsam arbeitete sie sich durch das undurchdringliche Pflanzengewirr.

Es musste erst vor kurzem geregnet haben, denn glitzernde Wassertropfen suchten sich ihren Weg über lange dunkelgrüne Farnwedel und aus dem Blätterdach der Bäume perlten dichte Tropfenschleier zu Boden. Nach einiger Zeit wechselten die knorrigen, alten Baumriesen sich mit lichten Sträuchern und jüngeren Bäumen ab. Die Sonne schaffte es nun immer öfter, bis zu dem modrigen, feuchten Waldboden vorzudringen.


Die allgegenwärtige Geräuschkulisse der fremdartigen Fauna schwächte sich dagegen etwas ab. Erschöpft hielt Thora inne, um sich zu orientieren. Wie gern hätte sie nun jemanden der anderen erfahrenen Forscher bei sich. Denn besonders in völlig fremden Umgebungen war es ein unschätzbarer Vorteil, wenn man sich gemeinsam den eventuell auftretenden Problemen stellte. Ganz zu schweigen davon, dass einer auf den anderen achtete und man sich gegenseitig unterstützte, wann immer es nötig war.

Sie könnte nun über das Reltobuch zurückreisen, aber solange sie sich nicht in Gefahr befand, wollte sie nicht aufgeben und weitersuchen. Wieder dachte sie an die Worte des Fremden, die so stolz und selbstsicher geklungen hatten. Da er ausdrücklich die neue Forschergeneration erwähnt hatte, stand fest, dass er den Besuch eines Forschers noch zu seinen Lebzeiten erwartete. Doch hatte er auch eingeräumt, dass seine Hinweise, die den Weg zu ihm weisen sollten, eventuell nie gefunden wurden und auch dies bewusst einkalkuliert.

Müde schloss sie einen Moment die Augen…

Das plötzliche Gefühl einer nahenden Bedrohung war so stark, dass sie unwillkürlich den Atem anhielt. Jemand näherte sich rasch durch das dichte Gesträuch heran… Sie zwang sich zur Ruhe und bemühte sich, sich nicht von der aufkeimenden Panik überrollen zu lassen. Bewegungslos und innerlich angespannt erwartete sie das herannahende fremde Wesen.

Sie fixierte die Stelle, an der es aus dem Gebüsch auftauchen würde. Tappende Schritte bewegten sich über das knackende Unterholz…ein Strauch bewegte sich wild… wurde mit einer letzten heftigen Bewegung zur Seite geschoben und Thora blickte mit geweiteten Augen auf das exotische Wesen, was sich bei ihrem Anblick ruckartig aufrichtete…


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BeitragVerfasst: 20.03.2006 - 19:13 
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Nach einigen endlosen Augenblicken hatte sich Thora von ihrer Überraschung erholt und musterte das fremde Wesen, dessen zwiespältige Emotionen sich in seiner abwartenden Körperhaltung deutlich spiegelten. Es konnte durchaus als Hominid bezeichnet werden, obwohl es sich wahrscheinlich nicht immer aufrecht fortbewegte, stellte sie mit erwachtem wissenschaftlichem Interesse fest.

Die Hinterläufe besaßen kräftige Gelenke und die Zehenglieder der breiten Füße waren mit kurzen Krallen ausgestattet. Die abwehrend erhobenen vorderen Extremitäten waren recht lang und liefen an den Enden in je sechs schmalen Gliedern mit leicht gebogenen Krallen aus, die unter Umständen eine gefährliche Waffe sein konnten. Doch darüber hinaus verliehen sie dem fremdartigen Wesen auch eine gewisse Fingerfertigkeit, die es ihm ermöglichte, vielschichtige Handlungen auszuführen. Es stand leicht gebückt und in lauernder Haltung. Würde es sich gerade aufrichten, konnte es Thora leicht um Haupteslänge überragen.

Ein dichter, graublauer Pelz bedeckte den gedrungenen, muskulösen Körper. Auf dem stämmigen Hals mit den starken Nackenmuskeln saß ein ovaler Kopf mit einer hohen Stirn. Der Schädelbehaarung war dunkler und stand wirr vom Kopf ab. In dem knochigen, haarlosen Gesicht mit der bronzefarbenen borkigen Haut dominierten große hellgelbe Augen. Die breite flache Nase sog witternd die Luft ein und zwischen den dunklen, wulstigen Lippen zeigten sich kräftige Zähne.

Das Wesen trug keinerlei Gegenstände bei sich, so dass Thora nicht auf Anhieb sagen konnte, ob sie nun ein Tier, oder ein Geschöpf vor sich hatte, das sich auf dem besten Wege befand, die beherrschende Intelligenz dieser Welt zu werden.

Noch immer blickten die leuchtenden Augen unschlüssig zu ihr hinüber und es schien, als hätte ihr Anblick ihn genauso überrascht wie es umgekehrt der Fall war. Die beiden so ungleichen Wesen musterten sich stumm und abwartend. Die Sekunden dehnten sich zu Ewigkeiten und Thora überlegte fieberhaft, was sie tun sollte.

Sie wollte das fremde Geschöpf auf keinen Fall erschrecken und in die Flucht jagen, aber sie wollte mit einer unbedachten Handlung auch keinen Angriff provozieren. Die Mekorinbeeren fielen ihr ein…sie hatte für eine schnelle Erfrischung immer welche bei sich. Langsam ließ sie den Rucksack von der Schulter gleiten und öffnete ihn. Das fremde Wesen tänzelte nervös hin und her, stieß leise schnaubende Laute aus und die gelben Augen begannen zu flackern…

Sie nahm einige der festen roten Beeren in die Handfläche, streckte den Arm aus und zeigte sie deutlich dem exotischen Geschöpf. „Na, komm schon…“ sagte sie mit ruhiger Stimme. „Tust du mir nichts, tu ich dir auch nichts…!“ Schnell legte sie die Früchte auf den Boden und zog sich vorsichtig etwas zurück. Jede ihrer Bewegungen wurde von den unruhigen Blicken aufmerksam verfolgt. Die flackernden Augen wanderten von ihrem Gesicht zu den Beeren, die nun zwischen ihnen auf dem Boden lagen und verlockend leuchteten.

Ohne Vorwarnung setzte sich das fremde Geschöpf plötzlich in Bewegung. Thora versteifte sich unwillkürlich und umklammerte das Reltobuch… Mit geschickten Griffen wurden die Beeren aufgenommen, in den schlanken Greifgliedern gedreht und mit Misstrauen beäugt, bevor sie zwischen den kräftigen Zähnen verschwanden. Die hell leuchtenden Augen saugten sich für einen Augenblick wieder an ihrem Gesicht fest und mit einem heiseren, unartikulierten Laut wandte sich das Wesen urplötzlich um, ließ sich auf alle Viere nieder und verschwand im dichten Gebüsch…die tappenden Schritte verklangen rasch.

Thora atmete erleichtert auf…was für eine Begegnung! Dieses Geschöpf gehörte hierher…dies war seine Welt und sie galt hier als Eindringling. Es konnte jedoch interessant sein, die Lebensgewohnheiten dieser fremden Wesen zu erforschen, denn sicher war es nicht der einzige seiner Art.

Langsam wurde es dunkler und der Tag neigte sich dem Ende zu. Konnte sie es wagen, die Nacht hier in diesem dschungelartigen Wald zu verbringen? Ein fremder Dschungel war gefährlich und in der Nacht konnte sie nicht durch völlig unbekanntes Gelände laufen. Sie lauschte…je dunkler es wurde, umso verhaltener klangen die Stimmen des Dschungels und die wilde Geräuschkulisse wurde friedlicher …eine Welt begab sich zur Ruhe. Thora setzte sich mit angezogenen Knien auf den warmen Boden und lehnte den Rücken entspannt gegen einen riesigen, alten Baumstamm.

Es wurde angenehm kühl und ein leiser Wind bewegte sacht die Baumkronen. Erst jetzt, als der Dschungel schon fast schwieg, vernahm sie das sanfte allgegenwärtige Raunen der Blätter…es klang wie ein ferner Wasserfall. Wie lange währte hier die Nacht? Wo im großen Universum zog diese ihr unbekannte Welt ihre Bahn? Es konnte natürlich möglich sein, dass sie anderen Forschern bekannt war, was aber eher unwahrscheinlich schien, denn dann hätte der rätselhafte Fremde, dessen Hinweise sie in Kelurs Buch entdeckt hatte, aus seinem Aufenthalt in dieser Welt kein solches Geheimnis gemacht.

Sie dachte wieder an die exotische Kreatur, dessen unerwartete Bekanntschaft sie vor Stunden gemacht hatte. So wild, wie es auch ausgesehen hatte, war es ihr doch schon fast sympathisch gewesen. Vielleicht würden sie sich noch einmal begegnen.

Der Dschungel war nun bis auf das Rauschen der Blätter, vereinzelten schrillen Lauten von fremden Tieren und dem leisen Murmeln von Wasser, welches sich dem Geräusch nach ganz in der Nähe befinden musste, fast vollkommen still. In der Ferne erklang ein leises, donnerndes Grollen… wahrscheinlich ein Gewitter, stellte sie fest. Dann war wieder alles ruhig.

Die Finsternis wurde fast undurchdringlich…die Umrisse der knorrigen Baumstämme verschwammen unmerklich mit der samtenen Dunkelheit und wohltuende Ruhe hüllte sie ein wie eine flauschige Decke…doch sie durfte und wollte nicht einschlafen… nur etwas nachdenken…

War es nicht besser, zunächst nach Hause zurückzukehren und befreundete Forscher zu mobilisieren, um gemeinsam diese fremde Welt mit ihren eigenartigen Bewohnern zu erforschen?

Sie schloss die Augen…nur für einen Moment… einen kleinen Moment…


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BeitragVerfasst: 27.05.2006 - 14:23 
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Fortsetzung...

Eine Lichtung in einem unbekannten Dschungel…oder war es ein Zauberwald…umgeben von uralten, knorrigen Bäumen. Die weit verzweigten starken Äste über den borkigen Rindengesichtern bogen sich hinunter…nickten einander zu…strichen mit einem sanften Raunen durch ihre ruhenden Sinne…tausend Augen beobachteten sie…die fremde Nacht entführte sie behutsam, aber unnachgiebig ...

In der samtenen Dunkelheit tauchten zwei glühende, gelbe Flecken auf…zunächst winzig…unendlich langsam und lautlos glitten sie heran…gewannen zunehmend an Größe…bis das helle Glühen die Dunkelheit fast verdrängte...doch das beruhigende Raunen blieb und umhüllte sie schützend.

Vertrauensvoll schloss sie die Augen. Das gelbe Licht drang durch die geschlossenen Lider und ein warmer Hauch mit einem fremden Duft streifte ihr Gesicht. Das Glühen verharrte schließlich bewegungslos…lange Zeit…

Als sich die umgebende Dunkelheit, in deren Mitte die beiden glühenden Sonnen dominierten, unmerklich aufzuhellen begann, wurde das Gespinst der wohligen Träume kühler und erhob fast unwillig gleich einem Lufthauch, um langsam fortzustreben…

Die gelben Sonnen entfernten sich vorsichtig…versanken in der fernen milchigen Helligkeit des neuen Tages zu unbedeutenden schwachen Lichtern und in das nächtliche melodische Raunen mischten sich die fremden Klänge des langsam erwachenden Dschungels.

-------------------------------------------------------------------------------------

Thora schlug die Augen auf und sah sich erschreckt um. Der Busch am Rande der Lichtung bewegte sich raschelnd und tappende Schritte verklangen schnell durch das knackende Unterholz. Sie schüttelte benommen den Kopf. In einem fremden Dschungel war sie einfach eingeschlafen. Ein unverzeihlicher Leichtsinn, der durch keinen Forscherdrang gerechtfertigt werden konnte, zumal sie hier allein für sich verantwortlich war

Einen seltsamen Traum hatte sie gehabt… und die Erinnerung daran wich. Sie versuchte vergeblich, einen kleinen Zipfel…ein einziges Bild festzuhalten…doch nur ein Gefühl blieb zurück…ein intensives Gefühl.

Nachdenklich lauschte sie auf die noch verhaltenen Geräusche des Dschungels…musterte die alten Baumriesen mit den dicken, dunklen Ästen, deren Umrisse sich im Dämmerlicht des noch jungen Tages langsam aus dem Dunkel schälten…ja, sie hatte sich in der fremden Dunkelheit beschützt gefühlt.

Grübelnd sah sie in die Richtung, in der die davoneilenden Schritte verklungen waren. War es das fremde Wesen, dessen Bekanntschaft sie am Vortag gemacht hatte? Wurde sie beobachtet? Hatte die Neugier es wieder hergetrieben? Und warum flüchtete es nun?

Sie musste versuchen, seiner Spur zu folgen, denn ein undeutliches Gefühl sagte ihr, dass diese Begegnung nicht so zufällig stattgefunden hatte, wie es auf den ersten Blick aussah. Sollte sie heute bei ihrer Suche nach dem geheimnisvollen Fremden nichts erreichen, nahm sie sich vor, würde sie vorerst nach Hause zurückkehren. Eine zweite Nacht konnte sie allein in dem fremden Dschungel nicht verbringen.

Sie konzentrierte sich auf die Richtung, aus der sie am Abend zuvor das Murmeln und Plätschern von Wasser vernommen hatte, welches aber nun von dem inzwischen erwachten Dschungel übertönt wurde Es konnte jedoch nicht weit sein. Sie schulterte ihre Ausrüstung und orientierte sich kurz. Dann bewegte sie sich zielstrebig auf den Rand der Lichtung zu. Sie würde es finden…


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