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BeitragVerfasst: 30.07.2007 - 10:18 
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Irgendwann wurde er dadurch wach, dass es heftig an seiner Tür klopfte. Er runzelte verwirrt die Stirn, stand auf und öffnete. Vor ihm stand Meister Koris, der ihn mit einem seltsam ge¬hetzten Blick ansah und fragte: „Darf ich bitte hereinkommen, Meister Teshan?“ Teshan nickte immer noch recht verwirrt und bat Koris einen Sitz und ein Glas Wein an, welche die¬ser dankend annahm.

„Was wollt ihr hier, Meister Koris?“, fragte Teshan nach einer Weile.

„Ich muss euch ein Geständnis machen, Meister Teshan. Ich habe euch nicht die ganze Wahr¬heit über Faresh gesagt!“

„Und wie sieht die ganze Wahrheit über Faresh aus?“

„Tatsache ist, dass niemand von uns Faresh besonders gemocht hat. Wie ich ja bereits in unse¬rem ersten Gespräch sagte, waren alle neidisch auf ihn. Theoretisch hätte ihn also jeder von uns töten können. Ich hatte euch gesagt, dass Faresh bestimmte Wege gegangen ist, um seine Ziele zu erreichen. Ich bin mir sicher, dass Faresh über Leichen gegangen wäre, um an die Spitze zu kommen und an der Spitze zu bleiben und in gewisser Weise könnte man uns wohl auch als „Leichen“ ansehen, da wir praktisch „tot“ waren, als Faresh berühmt war.

Faresh hat aber niemand umgebracht. Er hat nur ziemlich stark geschummelt was die Erledi¬gung seiner Aufgaben betraf. Er war sich einfach zu fein und zu faul dies alles zu machen! Er hat andere dazu gezwungen diese Dinge für ihn zu erledigen und wenn sie es nicht getan ha¬ben, konnte er schon mal gewalttätig werden. Großmeister Sirren hat davon nie etwas mitbe¬kommen, da alle geschwiegen haben. Faresh hatte eine ziemlich wirkungsvolle Art die Leute zum Schweigen zu bringen.

Wie furchtbar Faresh als Familienmensch war, hat euch ja sicher Nemiya gesagt. Als Kollege war er genauso furchtbar. Niemand hatte Platz neben ihm, er wollte die Bühne für sich allein und er glaubte das größte Genie überhaupt zu sein. Er ging sogar so weit zu behaupten, dass die Genialität seiner Werke mit der Genialität der Werke der größten Schreiber zu vergleichen sei. Er wirkte teilweise, als würde er sich für einen Gott halten!

Faresh war überhaupt nicht freundlich! Er war überheblich, hochnäsig, angeberisch, selbst¬verliebt, egoistisch und bösartig. Und was sein Genie betrifft, hat er auch teilweise geschum¬melt! Er hat Kompositionen von anderen Musikern geklaut und sie dann als die seinen ausge¬geben. Wer versucht hat, ihn daran zu hindern bekam mächtig Ärger.

Irgendwann haben wir dann resigniert aufgegeben. Wir ließen Faresh seinen Willen, aber in¬nerlich haben wir alle gekocht und ihm den Tod gewünscht!“

„Warum habt ihr nicht von vornherein die Wahrheit gesagt? Das hätte mir so einiges erspart! Und was spielt Jaron für eine Rolle in der Sache?“

„Wir alle haben uns gegenseitig geschützt, damit der Verdacht nicht auf einen der unseren fällt. Außerdem: Wer hätte uns geglaubt? Faresh wurde schon viel zu sehr als Held und Genie gefeiert, als das die Leute in ihrer Verblendung an unsere Reden geglaubt hätten. Sie hätten uns wahrscheinlich nicht einmal zugehört!

Jaron…er war der einzige von uns, der Faresh so offensichtlich gehasst und gegen ihn gear¬beitet hat. Er war der ideale Verbrecher. Bei ihm würde jeder, der von seinem Verhältnis zu Faresh wusste, sofort glauben dass er Faresh getötet hat. Außerdem haben wir ihn auch ge¬hasst. Also war er es auch, auf den unsere Wahl fiel, als wir den wahren Schuldigen in Schutz nehmen mussten.“

„Das heißt also jemand anders hat es getan und Faresh dann Haare von Jaron auf den Mantel gelegt, um so den Beweis zu liefern, dass er es gewesen ist?! Warum seid ihr dann trotzdem zu mir gekommen?“

„Weil mich das schlechte Gewissen plagt. Das mag verrückt für jemanden klingen, der über Fareshs Tod glücklich ist und auch nichts dagegen hat, wenn Jaron verschwindet, aber es ist so! Ich war ja auch bei der Verhandlung und ich habe die ganze Zeit gedacht: „Es ist nicht richtig!“ Ihr habt mein Gesicht nach der Verhandlung gesehen. Als Jaron schreiend abgeführt wurde, da habe ich alles bereut und als ich euch sah, habe ich sofort den Entschluss gefasst es euch zu sagen. Ich werde mich jetzt zurückziehen und für meine Taten bestrafen!“

Damit erhob er sich einfach und ging. Teshan sprang auf und rief verwirrt und schockiert: „Wartet! Heißt das etwa ihr habt-?! Was habt ihr vor?!“

Koris hörte ihm gar nicht zu, sondern beschleunigte seinen Schritt. Teshan bekam ein ganz übles Gefühl. Er setzte Koris schnell hinterher, doch als dieser merkte dass er verfolgt wurde, beschleunigte er noch einmal sein Tempo. Koris war um einiges jünger und gesünder als Tes¬han und schuf daher schnell einen beträchtlichen Abstand zwischen ihnen. Teshan lief ihm schwer atmend hinterher, während in seinem Kopf die Gedanken rasten.

Koris steuerte der Brücke vom Konzertsaal zur Bibliotheksallee entgegen. Gerade als Teshan um die Ecke bog, hatte sich Koris auf das Geländer der Brücke gesetzt und starrte Teshan mit einem irren Blick an. „Nein!“, rief Teshan und lief zu Koris hin um ihn festzuhalten, doch es war bereits zu spät! Koris ließ sich fallen und stürzte in den See. Teshan blieb wie festgena¬gelt am Geländer stehen und versuchte in der Dunkelheit zu erkennen, ob Koris überlebt hatte.

Als er keine Anzeichen mehr von ihm sah, wandte er sich schließlich vom Geländer ab und ging langsam wieder nach Hause. Auf dem ganzen Weg konnte er nur an eine Sache denken: Wie sollte er bloß noch verhindern, dass das Urteil gegen Jaron nicht vollzogen wurde? Mor¬gen würde es soweit sein und er hatte nicht mal Beweise dafür, außer dem offensichtlichen Geständnis eines Mannes, der jetzt wahrscheinlich tot war!

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BeitragVerfasst: 03.08.2007 - 09:40 
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Zu Hause ließ er sich in seinen Sessel fallen, vergrub das Gesicht in den Händen und blieb so sitzen bis der Morgen kam. Dann ging er sofort zu Namis. Er war der einzige, der ihm jetzt vielleicht noch helfen konnte!

Namis sah ihn fragend an, als er Teshans Zustand sah. „Was ist denn mit dir los? Du siehst aus als ob die eine wilde Nacht hinter dir hättest!“

Teshan konnte diesmal nicht über Namis Witzeleien lächeln. Er sah ihn ernst an und sagte: „Namis, ich habe heute Nacht eine furchtbare Sache erfahren und brauche jetzt unbedingt deine Hilfe!“

„Hmm, das klingt wirklich ziemlich schlimm! Komm rein und erzähl mir was passiert ist!“

Sie setzten sich an den Kamin und Teshan trank zur Stärkung noch etwas Wein, ehe er Namis alles erzählte. Dieser folgte der ganzen Erzählung mit einem erstaunten Ausdruck auf dem Gesicht. Als Teshan zu Ende erzählt hatte, schüttelte er den Kopf und meinte: „Diese Musi¬ker! Ich glaube du hattest recht damit sie als schwieriges Volk zu bezeichnen!“

„Was soll ich deiner Meinung nach jetzt tun, Namis? Ich muss den Leuten die Wahrheit er¬zählen, sonst breche ich mein Gelübde!“

„Ich wusste gar nicht, dass dir das so wichtig ist!“

„Es ist mir sogar sehr wichtig! Die Gesetze sind gut und richtig und ich habe es immer als meine Pflicht gesehen sie einzuhalten, genau wie mein Gelübde. Deswegen verachte ich doch auch die Gesellschaft so sehr! Sie hält sich nicht an die Gesetze! Aber verzeih, dass ich dich unterbrochen habe. Rede weiter!“

„ Schon gut, Teshan! Tja, was sollst du machen? Das ist eine sehr gute Frage! Ich fürchte, du wirst dein Gelübde brechen müssen! Du hast gemerkt, wie die Leute gestern drauf waren! Sie haben Jaron gehasst! Sie haben sich sogar gewünscht, dass die Todesstrafe wieder eingeführt wird, um solche Verbrecher noch stärker zu bestrafen! Als wenn ein Leben in einer trostlosen Gefängniswelt keine Strafe wäre!

Und wie du schon selbst sagtest, wird dir keiner glauben. Sie werden sich fragen, ob du auch durchgedreht bist, weil du so plötzlich deine Meinung geändert hast. Ich meine, wie wirkt denn das, wenn du an dem einen Tag eine flammende Rede gegen Jaron hältst und am nächs¬ten Tag nicht mehr!? Und du hast auch keine Beweise. Du hast das alles nur gehört, von ei¬nem Mann, der verrückt war und jetzt tot ist und seine Kollegen werden sicher genauso schweigen wie vorher. Immerhin waren sie es ja, die ihn geschützt haben! Du hast keine Chance, Teshan!“

„Das heißt also, ich soll es geschehen lassen!? Was wäre denn, wenn ich seine Kollegen zum Geständnis zwingen würde?“

„Teshan du kennst die Gesetze! Gibt es in einem Fall einen eindeutigen Beweis dafür wer der Schuldige ist, findet eine Verhandlung statt und der Fall wird abgeschlossen. Und da niemand daran gezweifelt hat das Jaron es getan hat, wäre es auch nicht zu einem nochmaligen Durch¬gehen des Falls gekommen. Der Großmeister würde denken du wärest verrückt geworden, wenn du zu ihm gehen würdest und um danach zu fragen!“

„Ich fürchte, du hast Recht! Aber ich weiß nicht, ob ich danach noch weitermachen kann! Diese Gesellschaft macht mich noch wahnsinnig!“

Namis nickte verständnisvoll und klopfte Teshan aufmunternd auf die Schulter. Wenig später gingen sie dann gemeinsam zum Versammlungssaal, um bei der Vollziehung des Urteils an¬wesend zu sein.

Es war genau wie Namis gesagt hatte. Die Menschen feierten geradezu die Bestrafung des armen Jaron. Teshan sah ihn mit einem fast schmerzvollen Blick an, als dieser sich zu der Gefängniswelt verband. Es war so furchtbar hilflos zu sein, zu wissen dass der eigene Fehler und Irrglaube ein unschuldiges Opfer gefordert hatte!

Er wünschte sich, nicht so viele Vorbehalte gegen Jaron gehabt zu haben; nicht den einfachen Weg gegangen zu sein, indem er nach einem Beweis für die Schuld Jarons suchte; nicht auf die anderen Musiker gehört zu haben; seinem Gefühl, dass etwas bei den Aussagen nicht stimmte, mehr nachgegangen zu sein, und so weiter.

Geknickt verließ er den Saal und verabschiedete sich von Namis. Dann ging er zum Gilden¬haus. Dort reichte er beim Großmeister seine Bitte ein vom Dienst suspendiert zu werden. Als Gründe gab er physische und psychische Probleme an. Der Großmeister war zwar sehr ver¬wundert, aber er schien Teshan anzusehen, dass dieser tatsächlich Probleme hatte und viel¬leicht war ihm auch Teshans Trinksucht nicht entgangen. Jedenfalls unterschrieb er die Sus¬pendierung und ließ sich von Teshan den Mantel des Meisters der Bewahrer, sowie alle ande¬ren Dinge, die zu diesem Rang gehörten geben. Dann wünschte er ihm noch ein angenehmes Restleben.

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BeitragVerfasst: 03.08.2007 - 09:40 
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Teshan ging nach Hause und brütete eine Weile in seinem Sessel. Er wusste, dass seine Ent¬scheidung den Dienst zu quittieren gut gewesen war. Er hätte nicht mehr mit dem Wissen, dass er eine furchtbare, folgenschwere Entscheidung getroffen hatte weitermachen können!
Lange Zeit plagten ihn die Schuldgefühle. Er hatte nicht nur seine Pflicht als Bewahrer ver¬letzt, sondern er hatte auch eine Tat begangen, die gemein gegenüber dem armen Jaron gewe¬sen war, der ihm jetzt leid tat.

Obwohl er wusste, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte, indem er von den Be¬wahrern weggegangen war, dachte er mit Trauer an die Arbeit zurück. Er hatte seine Arbeit trotz allem gemocht und sich in all den Jahren so sehr an die typischen Dinge im Leben eines Bewahrers gewöhnt, dass er jetzt nicht wusste, ob er je ohne sie leben konnte. Traurig starrte er ins prasselnde Kaminfeuer und dachte immer wieder an die letzten furchtbaren Stunden.

Irgendwann erwachte er jedoch wieder aus seiner Lethargie. Er musste sich irgendwie von diesen düsteren Gedanken ablenken, die ihn nur noch tiefer ins Elend stürzen würden!
Doch was sollte er jetzt tun? Er hatte immerhin noch einige Zeit vor sich und die musste er sich ja irgendwie vertreiben! Er dachte kurz daran etwas mit Namis zu unternehmen, aber sie würden eh wieder nur in einem Gasthaus oder bei den Tänzerinnen landen und darauf hatte
Teshan irgendwie keine Lust mehr.

Er wusste genau, wenn er sich jetzt nicht aufraffen würde, würde er auf eine furchtbare Weise enden. Er sah sich selbst in fünf Jahren: mit wirren Haaren, grauem Gesicht und blutunterlau¬fenen Augen würde er in seinem Sessel sitzen und vor sich hingrummeln und der viele Alko¬hol würde ihm alle Erinnerungen nehmen. Das konnte er unmöglich zulassen!

Sein Blick schweifte über das ganze Zimmer und blieb bei dem Bücherregal haften. In seiner Jugend hatte er daran gedacht eines Tages ein Zeitalter zu schreiben. Während seiner Ausbil¬dung zum Bewahrer hatte er auch an Untersuchungen von Zeitaltern teilgenommen und war fasziniert gewesen von der Kreativität der Schreiber. Damals war er noch ein Träumer gewe¬sen und kein Analytiker.

Mit der Zeit war dieser Traum zerplatzt. Er hatte sich geändert; alles hatte sich geändert. Vielleicht war es jetzt Zeit, sich wieder auf diese Dinge zurückzubesinnen und sich wieder zu ändern. Veränderungen konnten Verbesserungen bedeuten. Außerdem: Was hatte er schon zu verlieren? Er konnte es ausprobieren und schauen, was passierte! Die Kunst konnte er immer noch lernen.

Wenn er dann eines Tages einen Ort nur für sich hatte, konnte er von hier weggehen. Nie¬mand brauchte ihn hier. Und er wollte auch nicht mehr unbedingt hier leben. Er mochte D’ni, aber nicht seine Bewohner und mit seiner Familie wechselte er ja auch kaum ein Wort. Was hielt ihn also noch hier?

Die einzige Überwindung bestand darin etwas an seinem Wesen zu ändern, doch auch das würde nicht so schwer werden, wenn er sich nur genug Mühe gab! Ein leichtes Lächeln be¬gann sich auf sein Gesicht zu stehlen. Vielleicht lag in den leeren Seiten eines Buches tat¬sächlich eine neue Herausforderung und eine neue Hoffnung…

ENDE

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